Exerzitien auf der Straße in Hamburg

Mose hütete die Schafe seines Schwiegervaters Jetro, des Priesters von Midian. Einmal trieb er die Schafe über die Steppe hinaus und kam zu dem Berge Gottes, zum Horeb. Da erschien ihm der Engel Jahwes in einer Feuerflamme, mitten aus einem Dornbusch heraus. Und er sah hin, und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Da dachte Mose: „Ich will doch hingehen und dieses seltsame Schauspiel betrachten, warum der Dornbusch nicht verbrennt.“ Als Jahwe sah, daß er herantrat, um nachzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: „Mose, Mose!“ Dieser antwortete: „Hier bin ich!“ Da sprach Er: „Tritt nicht näher heran! Ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!“ Und er fuhr fort: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, Der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Da verhüllte Mose sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Exodus 3, 1-6

Exerzitien auf der Straße in Hamburg-Altona

Respektvolles Sehen und Hören üben

vom Freitag, den 17. bis Sonntag, den 26. Juli 2015

in der Kirchengemeinde der Hauptkirche St. Trinitatis, Altona „Exerzitien auf der Straße in Hamburg“ weiterlesen

Kommentar zu „Vom Gastgeber zur Geisel des Anderen“

Von Christian Herwartz

Susanne Szemerédy hat an ihrer Doktorarbeit über die Philosophie von Emmanuel Lévinas gesessen und sich als gelernte Sozialarbeiterin gefragt, wo sie diese Philosophie praktisch überprüfen kann. 2003 kam sie mit dieser Frage zu Exerzitien auf der Straße in Fribourg/Schweiz. Mit den Notizen aus diesen 10 Tagen, die im Buch nachzulesen sind, macht sie deutlich, dass sie nicht über die Exerzitien auf der Straße schreibt, sondern in einen dialogischen Prozess getreten ist. In den folgenden Jahren hat sie auch Exerzitienkurse mit begleitet und ist in ihren Beruf zurückgekehrt.

Ihre Arbeit ist auch für diejenigen gut lesbar, der die philosophische Fachsprache nicht verstehen. Nur im ersten Kapitel musste sie in der Abgrenzung von anderen philosophischen Fragestellungen nachweisen, welchem Forschungsgegenstand sie sich zuwenden wollte. Auch wenn es nicht so schwer ist, die Arbeit ohne all die Fußnoten zu lesen, würde ich mich über ein populärer gehaltenes Buch mit den Ergebnissen freuen.

Szemerédy, Susanne (2013) Vom Gastgeber zur Geisel des Anderen. Reihe: Münchner Studien zur Erwachsenenbildung, Band 8, 360 Seiten

Leseprobe aus „Auf nackten Sohlen“

„Dahin wage ich mich nicht“

Von Christian Herwartz

Leseprobe Seite 69/70 aus Herwartz, Christian (2006) Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße. Ignatianische Impulse, Band 18. Echter Verlag, Würzburg.

Im Sommer 2003 fragte eine kleine Gruppe aus der Emmausbewegung an, ob sie zu Exerzitien nach Berlin kommen könnten. Sie wurde vom schon verstorbenen Bruder Jan gegründet, der regelmäßig in Gefängnisse ging, dort Bibelgesprächsgruppen gründete und der auch Land, auf Land ab die Treffpunkte von Drogenabhängigen kannte. Er ging vielen Menschen nach und lud sie zu Treffen ein. „Die Menschen in unserer Gruppe sind alle aus bedrückenden Lebensumständen umgekehrt. Sie wurden oft mit ihren Hoffnungen, mit ihren Fragen nach erfülltem Leben, nach Gott nicht ernst genommen,“ sagte er mir einmal. „Und sie sind mit ihrem Hunger nach Antworten und Liebe aus den herrschenden Anpassungsdruck ausgestiegen.“ „Leseprobe aus „Auf nackten Sohlen““ weiterlesen

„Auf nackten Sohlen“: Buchbesprechung von Michael Hainz

Von Michael Hainz

Dass „Exerzitien auf der Straße“ eine wirksames Instrument persönlicher Gottsuche, Heilung und Bekehrung sind, beginnt sich langsam herumzusprechen (www.strassenexerzitien.de). Bei dieser Exerzitienform sind Menschen sehr schlicht mitten in einer Stadt untergebracht und werden dazu angeleitet und dabei begleitet, Gottes Fingerzeige in der urbanen Wirklichkeit selbst lesen zu lernen und sich in scheinbar alltäglichen Begebenheiten vom Herrn selbst ansprechen und wandeln zu lassen.

P. Christian Herwartz, Jesuit und Arbeiterpriester in Berlin, erzählt nun erstmals anhand seiner Biographie, wie er in einem langen Prozess spirituellen Experimentierens dieses kostbare Geschenk der Exerzitien auf der Straße entdeckt und ihre grundlegenden Elemente allmählich entfaltet hat. Zur Sprache kommen so einzelne Etappen eines persönlichen Berufungsweges: die Ausbildung im Jesuitenorden, Lehrjahre bei französischen Arbeiterpriestern, die Gründung einer Kommunität in Berlin-Kreuzberg, überraschende persönliche Begegnungen, Einladungen zur Begleitung von Exerzitien usw.

Herwartz erzählt von sich und seinem „Schatz“, aber für andere: so nämlich, dass die Leserin, der Leser für ihr eigenes Leben Frucht ziehen können. Dazu trägt bei, dass am Ende jedes Abschnitts die geistliche Essenz des Erzählten nochmals kurz als „Übersetzungshilfe“ oder Tipp gebündelt wird. So werden die Episoden und Lernerfahrungen eines ungewöhnlichen Lebens zu Anstößen und Einladungen, sich selbst, als Leser und Leserin, auf den Weg mit Jesus und zu den von ihm bevorzugten armen Menschen einzulassen.

Kein konventioneller, abgestandener, bürgerlich abgesicherter Weg wird hier vorgestellt, sondern im Gegenteil einer, der immer wieder neu, lebendig und voller Überraschungen ist und gewiss auch aus dem gewohnten kirchlichen Rahmen fällt. Herwartz erzeugt keinen moralischen Druck und beansprucht nicht sein Leben als Maßstab für andere. Was seine Erzählungen vielmehr so wohltuend und einladend macht, ist der immer wieder durchscheinende Glaube an den Herrn, der als der Auferstandene den Weg des Menschen mitgeht und sich von ihm finden lässt. Exerzitien auf der Straße sind, so wird mit guten Gründen deutlich, eine privilegierte Zeit von – in der Regel – acht Tagen, ein „heiliger Ort“, um im je „persönlichen Dornbusch“ Gott zu begegnen.

 

Buchtipp „Auf nackten Sohlen“

Buchtipp

Von Hannes König SJ

Als von Dezember 1974 bis März 1975 in Rom die 32. Generalkongregation des Jesuitenordens stattfand, war sie geprägt von der Frage nach der Identität des Jesuiten. Dort fiel die Grundentscheidung, „dass die Teilnahme am Kampf für Glauben und Gerechtigkeit das ist, was den Jesuiten in unserer Zeit ausmacht“.
In diesem Zusammenhang ging der Orden im deutschen Sprachraum zwei Projekte an: Zum einen begann ein Team von vier Jesuiten die ignatianische Spiritualität unter dem genannten Aspekt zu studieren und neu zu vermitteln und fing auch an, Exerzitien im Alltag anzubieten. Zum anderen begannen drei Jesuiten in Berlin-Kreuzberg eine Kommunität in einer kleinen Wohnung und nahmen eine manuelle Arbeit auf.

So beschreibt Christian Herwartz selbst in diesem Band einen entscheidenden Moment in der Geschichte des Ordens und auch in seinem eigenen Leben als neugieriger und suchender Mensch und Ordensmann. In klarer und einfacher Sprache erzählt er knapp die ganze Geschichte seines Fragens nach dem Leben und nach Gott, und wie er dem, was den Orden ursprünglich ausmacht, auf die Spur kam.
Dass er mit ein paar Freunden mitten in unserer (gut)bürgerlichen Gesellschaft einen Weg an der Seite der Armen fand und ging, hat ihn zu einem Entdeckungsreisenden werden lassen. Viele haben inzwischen an seiner Reise teilgenommen, die im Sommer 1998 zu den ersten Exerzitien auf der Straße mit ein paar Jesuiten in Berlin geführt hat. In diesem Experiment sind die zwei oben genannten Projekte in der Person von Alex Lefrank SJ und Christian Herwartz SJ zusammengekommen.
Was sich in den nächsten acht Jahren daraus entwickelt hat, wird knapp und geradezu packend in der zweiten Hälfte des Bandes erzählt. Danke, Christian!

Christian Herwartz (2006) Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße. Ignatianische Impulse, Band 18. Echter Verlag, Würzburg.

Buchbesprechung zu „Auf nackten Sohlen“

Hunger nach Glauben und Gerechtigkeit

Von Heinz-Jürgen Metzger

Wie kann ein Christ in einem Staat, in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, seinen Glauben leben? In seinem Buch „Auf nackten Sohlen“ beschreibt Christian Herwartz sein Leben an der Seite von Arbeitern, Armen und Ausgestoßenen. Er zeigt einen Weg, den „auferstandenen Jesus in unserer Mitte zu entdecken – besonders in Hungrigen, Kranken, Obdachlosen und Gefangenen“.

Herwartz, 1943 geboren, arbeitete zunächst als Maschinenbauer auf einer Kieler Werft. Auch nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden 1969 blieb er der Arbeitswelt verbunden. Lange Jahre lebte er als Arbeiterpriester in Frankreich und Deutschland. In Berlin war er an der Gründung einer kleinen Jesuitenkommunität beteiligt, in der er auch heute noch wohnt.

Getrieben vom „Hunger nach Glauben und Gerechtigkeit“ wird er zum Grenzgänger, zu jemandem, der immer wieder Grenzen überschreitet und die Begegnung mit Ausgegrenzten sucht. Stationen seines Weges schildert Herwartz kurz: 1989 – Hungerstreik von politischen Gefangenen in der BRD, 1993 – Räumung der Wagenburg in Berlin, seit 1995 Mahn- und Gebetswachen vor der Abschiebehaftanstalt für Flüchtlinge in Berlin-Köpenick.

„Der Hunger nach Gerechtigkeit ist ein Schmerz, mit dem wir unsere Umwelt neu sehen lernen. Wenn wir ihn nicht betäuben, öffnet er uns den Blick auf Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden. Deshalb preist Jesus den Hunger in der Bergpredigt und nennt die Menschen selig, die sich von ihm leiten lassen.“ schreibt Herwartz.

Um andere an dieser Öffnung hin zu den Ausgegrenzten Teil haben zu lassen, hat er „Exerzitien auf der Straße“ entwickelt. „Das Wort ‚Straße‘ weist auf die offenen, grenzenlosen Plätze im Leben hin, auf denen wir besondere, für unsere Leben entscheidende Begegnungsorte entdecken.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind eingeladen, die Begegnung mit Jesus in der Großstadt zu suchen. Wie einigen von ihnen Jesus begegnet ist, auch das schildert das Buch.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass es konkret, immer auf Leben und Erleben bezogen ist. Dies macht es auch für mich als Buddhisten lesenswert. Mich hätte aber auch interessiert, wie das deutlich werdende Jesus-Bild in einem größeren theologischen Zusammenhang einzuordnen ist. Herwartz beschränkt sich darauf, seinen Weg und seine Arbeit in den Zusammenhang der Herausforderungen des Jesuitenordens zu stellen. Dessen Generalkongregation hatte 1974/75 entschieden, ‚dass die Teilnahme am Kampf für Glauben und Gerechtigkeit das ist, was den Jesuiten in unserer Zeit ausmacht‘.

„Auf nackten Sohlen“ ist ein Buch für alle die, die den Kampf für Glauben und Gerechtigkeit noch nicht verloren gegeben haben.

Heinz-Jürgen Metzger ist Zen-Mönch und leitet die BUDDHAWEG-SANGHA. Er arbeitet als Geschäftsführer der PEACEMAKER GEMEINSCHAFT DEUTSCHLAND

4-tägige Exerzitien in Lüneburg

Datum Donnerstag, 27. August 2015 – Sonntag 30. August 2015
Beginn: 17.00 Uhr; Ende: gegen 14.00 Uhr.

Begleitung Christoph Albrecht, Jesuitenpater, Universitätssseelsorger, Basel
Gabriele Löding, Diakonin, Referentin für Diakonie im Bund Ev. Freikirchl. Gemeinden, Lüneburg

Ort Friedenskirche EFG Lüneburg, Wichernstr.32, 21335 Lüneburg

Übernachtung Bewusst einfach, im Gemeindezentrum auf mitgebrachten Unterlagen

Kosten Verpflegungsumlage

Anmeldung und weitere Informationen bei G.Löding, Gloeding(at)baptisten.de, Telefon 04131 61076

weitere Informationen hier

„Die Welt steht in Flammen“ Teresa von Avila

(Die in diesem Artikel porträtierte Schwester Miriam, Küchenschwester und Priorin im Kölner Karmel, half uns schon einige Male bei der Durchführung von Tagesexerzitien auf der Straße. Der Artikel steht im Magazin zum Kirchenjahr, Heft 1/2015. Hamburg: Andere Zeiten e. V, www.anderezeiten.de)

Vor 500 Jahren kam Teresa von Avila zur Welt. Bis heute berühren die Glaubenswahrheiten der Mystikerin und Kirchenlehrerin die Menschen.

Von Kirsten Westhuis

Es ist eine aufgewühlte Zeit: Als Teresa de Ahumada 1515 im spanischen Avila geboren wird, steckt die mittelalterliche Welt im Umbruch in die Neuzeit. Kolumbus hat das Tor zur Neuen Welt aufgestoßen, aus der Mitte Europas verbreiten sich die ersten reformatorischen Gedanken und im Laufe des Jahrhunderts wird sich die katholische Kirche in Spanien zu einem Bollwerk der Gegenreformation entwickeln. In den Wirren dieser politischen Zusammenhänge macht die Nonne Teresa de Jesus, so ihr Ordensname, eine Entdeckung, die alle christlichen Religionsfehden überdauern und auch noch fünfhundert Jahre später viele Suchende berühren wird: Gott wohnt im Menschen.

Denke daran, dass Gott zwischen den Töpfen
und Pfannen da ist und dass er in dir in inneren und äußeren Aufgaben zur Seite steht.

Um der spätmittelalterlichen Teresa von Avila heute näherzukommen, empfiehlt der Theologe Manfred Gerwing als besten Weg: »Lesen, lesen, lesen.« Als Mystikerin, Ordensgründerin, Heilige, erste Kirchenlehrerin, Schriftstellerin ist schon viel geschrieben worden. Für die Spanier ist sie die Nationalheilige, für Schachspieler die Schutzpatronin. Direkt zum Kern ihres Denkens und Glaubens führen aber ihre eigenen Schriften: La Vida ist ihre Lebensbeschreibung, im Camino zeigt sie Wege zur Vollkommenheit für ihre Mitschwestern auf und gibt Tipps für das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Als Klassiker der mystischen Literatur gilt ihre Gebetsanleitung Die innere Burg.

Suche Gott und du wirst ihn finden

»Ich mag Teresa«, sagt Mirjam Kiechle. Die 60-Jährige ist vor 38 Jahren in den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Köln eingetreten. Immer wieder liest sie in den Schriften ihrer Ordensgründerin. »Ich wollte ein Leben leben, das allein Gott gewidmet ist«, sagt sie. Genau wie Teresa. Das Leben im Karmel wirkt auf viele Menschen außerordentlich streng. Es gibt lange Zeiten des Schweigens, viele Gebete, zwei Stunden Meditation täglich. Die Schwestern gehen keinen weltlichen Berufen nach, arbeiten nicht als Lehrerinnen, Ärztinnen oder Krankenschwestern, wie es in anderen Orden häufig der Fall ist. »Tag und Nacht im Gesetz des Herrn betrachten und im Gebet wachen«, lautet ein Kernsatz der Karmelitinnen. Diese kontemplative Ausrichtung des Karmels geht direkt auf Teresa von Avila zurück. Sie hatte zu ihrer Zeit den Orden reformiert und ihn zurück zu den alten, ursprünglichen Regeln geführt. Doch bevor sie die Reformen umsetzte und neue Klöster gründete, vergingen viele Jahre.

Teresa ist Ende 30. Immer noch ist sie auf der Suche nach Gott. Oft ist sie krank. Ihre innere Unruhe will nicht weichen. Gott scheint so weit weg. Die strengen, formalen Gebete bringen sie nicht voran. Aber sie sucht weiter und macht schließlich ihre entscheidende Erfahrung: »Gott ist in mir.« Diese Erkenntnis ändert alles. Sie öffnet Teresa das Tor nach innen, zu ihrer Seele, zum inneren Gebet und zum Leben in Einheit mit Gott. »Ich muss nicht weit gehen. Ich muss auch nicht in die Kirche gehen, um Gott zu suchen«, erklärt Mirjam Kiechle: »Gott ist in mir.« Das ruft sich die Ordensschwester immer wieder ins Bewusstsein.

Nichts soll dich verwirren, nichts dich erschrecken.
Alles vergeht, Gott ändert sich nicht.
Die Geduld erlangt alles.
Wer Gott hat, dem fehlt nichts.
Gott allein genügt.

»Das muss ich nicht fühlen – ich habe nicht ständig fromme Gefühle. Aber das ist eine Glaubenswahrheit, darauf darf ich vertrauen«, sagt sie. Der nahe, liebende Gott eröffnete Teresa eine ganz andere Art des Betens, die im 16. Jahrhundert für Frauen nicht vorgesehen war.

Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.

»Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.« Dieser Satz stammt von Teresa. »Und da bin ich ganz bei ihr«, sagt Schwester Mirjam. »Dieses Beten ist es, das mir gefällt.«

Freundschaft mit Gott, damit könne jeder anfangen: eine Kerze anzünden, kurz innehalten, sich bewusst machen, dass Gott gegenwärtig ist, anfangen zu reden. »Und dann auch mal den Mund halten und hören, was Gott zu sagen hat«, sagt die Karmelitin aus Köln. »Immer im Mittelpunkt stehen müssen, das geht nicht. Nicht im Gebet und auch nicht im Leben.« Teresa drückte es drastischer aus: »Die Welt steht in Flammen. Jetzt ist nicht die Zeit, mit Gott über geringfügige Dinge zu verhandeln.«

Wie selten sind doch die Menschen, die das, was sie tun, ganz tun.

Vom Selfie, vom Ego-Trip, herunterkommen – so könnte die zeitgenössische Übersetzung lauten. Aber um das zu schaffen, ist zunächst Selbsterkenntnis nötig. In einer Zeit der Beschleunigung und Entfremdung, wie Soziologen unsere Gegenwart beschreiben, wird es zunehmend schwieriger, die eigene Identität zu finden. »In dieser Beliebigkeit schafft es Teresa, die Menschen mit sich selbst zu konfrontieren «, meint der Theologe Manfred Gerwing von der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie sei eine hervorragende Lehrerin: »Sie weist den Weg, wie ich zu mir selbst zurückfinde.« Die ungeheure Anziehungskraft, die Teresa von Avila auch nach fünf Jahrhunderten auf viele Menschen ausübt, sieht Manfred Gerwing in ihrer Klarheit begründet: »Teresa ist fordernd. Sie ist kein Softie, sondern sie sagt: ›Wenn du hörst, musst du auch handeln.‹«

Gott und ich, wir zusammen sind die Mehrheit.

Kontemplation und Aktion lautet die Kurzformel. Und ihre Wirkung ist enorm: Am Ende ihres Lebens hat Teresa den Karmel reformiert, 17 neue Klöster gegründet, zahlreiche Werke geschrieben, das mittelalterliche Frauenbild verändert. »Sie war nicht nur die fromme Nonne «, sagt Mirjam Kiechle. Praktisch, handfest, lebensnah – auch dafür sei Teresa bekannt.

Als sie 1582 in Avila stirbt, wüten die Machtkämpfe zwischen den Konfessionen. Nach ihrem Tod wird Teresa als Heilige und Kirchenlehrerin in der katholischen Kirche eine herausgehobene Rolle einnehmen. Aber ihre grundlegenden Gedanken überwinden Grenzen, meint Schwester Mirjam: »Teresa führt uns nach innen. Und was das Innerste ausmacht, ist unabhängig von der Konfession.«