+ Christian Herwartz SJ

RIP Christian Herwartz SJ

Am 20. Februar 2022 ist Christian Herwartz SJ im Nachgang einer Operation im Krankenhaus Havelhöhe gestorben.

Wir finden gerade noch keine Worte. Daher möchten wir nur auf das schöne zehnminütige Interview mit Christian verweisen, in dem er seine Geschichte erzählt:

Ein erster Nachruf findet sich auf den Seiten der Jesuiten.

Das Requiem für Christian wird am Montag den 7. März um 10.30 h in Sankt Canisius in Berlin-Charlottenburg stattfinden. Anmelden kann man sich über diesen Link – setzt Euch auf die Warteliste, auch wenn dort “ausgebucht” steht. Es wird niemand abgewiesen, notfalls wird der Gottesdienst auf den Vorplatz übertragen.

Auf dieser Seite möchten wir Euren Gedanken, Erfahrungen mit ihm, Erinnerungen an ihn Raum geben. Tragt es einfach in dieses „Gedenkbuch“ ein.

 
 
 
 
 
 
 
32 Einträge
Sr Klara Maria aus Münster schrieb am 7. März 2022 um 19:34
Lieber Christian, heute Morgen las ich das Tagesevangelium. Mt. 25, 31 ff. Wie passend, dachte ich, diese Stelle am Tag deiner Beisetzung. Wer durstig oder hungrig war, dem hast du zu trinken oder zu essen gegeben. Fremde hast du aufgenommen, Gefangene besucht. Ich danke dir für dein Zeugnis. Auch mich hast du ermutigt zur Begegnung mit Gott an "Andersorten". Ich erinnere die dir eigene Verbindung von Zärtlichkeit und Klarheit, wo Menschenwürde und Gerechtigkeit verletzt wurden. Danke für deine Gabe zu provozieren, im wörtlichen Sinne des Herausrufens, aus Gewohntem, Bequemem. Es bleibt mir Stachel und Ansporn. "Wann haben wir dir Gastfreundschaft gewährt, wann bist du nackt gewesen oder krank oder im Gefängnis?" Ich wünsche dir, dass du nun Gott schaust, im großen Staunen, in Seiner neuen Welt.
Anne-Dore Jakob schrieb am 5. März 2022 um 1:12
Lieber Christian, danke für deine Aufmerksamkeit und Verbundenheit. Bei einer Beerdigung in Schönwalde (2012) trafen wir uns und sprachen miteinander: Ich war auf der Suche nach einem früheren Mitbruder, Pater Josef Dubis S.J. (1912 – 1945), der in den letzten Kriegstagen in Neukölln vor „seiner“ St. Christophorus-Kirche erschossen wurde. Danke, dass du uns Einblick in die Totenchronik des Ordens ermöglicht hast. Pater Dubis war ein überzeugender Katholik, der vielen Menschen zur Flucht verholfen hatte, der aufgeschlossen und modern war. – Zuvor kannte ich Dich nur aus Erzählungen. 2004 schenkten mir Idsteiner Freunde das Buch „Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“, welches ich mit viel Interesse las. Anlässlich deines Todes werde ich es wieder zur Hand nehmen und weiter darin lesen – Geschichten aus einer geschwisterlichen Welt, die nicht vergessen werden sollen.
Anna Elisabeth aus Berlin schrieb am 28. Februar 2022 um 9:44
Ich bin traurig und noch viel mehr dankbar, Christian Herwartz bei den Exerzitien auf der Strasse in St. Michael in Kreuzberg begegnet zu sein. Für mich ein ganz besonderer Zugang für meinen Glauben und ein Zuwachs an innerer Kraft durch die Erfahrungen dort. Mit grosser Achtung sag` ich Tschüss. Anna Elisabeth
Ole Voss aus 25436 Tornesch schrieb am 27. Februar 2022 um 14:47
Lieber Bruder Christian, bin Dir nie begegnet, Spuren Deiner Liebe und Güte seh ich überall. Gruß ole
Bernd aus Köln schrieb am 27. Februar 2022 um 12:39
Lieber Christian, nun hat das Kämpfen um der Gerechtigkeit halber ein Ende, denn Du bist angekommen beim Vater. Letzte Woche gab es ein Requiem für Milan, einen Obdachlosen, der auf der eine Weile in der Kölner KHG lebte und dort verstarb. Die Feier fand mit dem eh. Studentenpfarrer in der Obdachlosenseelsorge Gubbio statt. Nicht nur das dir diese Messe gefallen hätte in der Schlichtheit und Wahrhaftigkeit des Zeugnis eines Lebens. Für mich warst du, lieber Christian, zugegen. Du warst mit Gubbio in Rom . Du lebst vermutlich nicht nur in unseren Erinnerungen, sondern begleitest uns mit deinem Humor auf den verzweigten Pfaden unseres Lebens. Bis dass wir uns wiedersehen...
Elvira aus Kehl schrieb am 27. Februar 2022 um 10:49
Lieber Christian, ich bin sehr dankbar dafür, dich gekannt zu haben! Du hast mir ganz neue Perspektiven eröffnet bei den Straßenexerzitien in Wien und Hamburg. vieles habe ich danach ganz anders sehen dürfen und können. Das hat mich nachhaltig geprägt. du wirst immer einen Platz in meinem Herzen und meinen Gedanken haben!
Roswitha aus Wien schrieb am 26. Februar 2022 um 19:03
Ich möchte Danke sagen Christian Herwartz für deine Freundschaft die über 4 Jahrzehnte Berlin - hinaus gegangen ist. Lieber Freund danke für dein Engagement . Es wurde NIEMAND egal woher die Person gekommen ist fort geschickt. Jeder war Willkommen. Ich glaube Zeitweise bestand die Wohngemeinschaft von über 20 Leuten die kürzer oder länger blieben. Und sie kamen aus aus allen Enden der Erde. Ja die verschiedensten Nationalitäten , Flüchtlinge -Obdachlose . Die verschiedensten Religionen. Mit denen zusammen gewohnt hast. Ganz praktisch an ihren Leben Anteil genommenen hast- fast 4 Jahrzehnte. Bis wir uns wieder sehen halte schon mal ein wenig die Himmelstür offen.
Annie aus Montauban, France schrieb am 26. Februar 2022 um 18:43
Cher Christian, Samedi 19 février, dans la matinée, j'ai eu le bonheur de partager avec toi , au téléphone, quelques instants de ta vie terrestre. Peu de paroles, Tu disais « Je suis prêt », . La tendresse de Dieu inondait tout l'espace ! Dimanche matin, j'apprends que tu es parti rejoindre Jésus Ressuscité . Tu réalisais maintenant Ta Pâque éternelle avec ceux qui t'ont précédé dans le Royaume, avec Michael, Franz, Lars, Bine , le petit David et tous ceux à qui tu as donné ta vie en Christian , tu es vivant. ! Tu m'accompagneras encore et encore jusqu'à l'ultime étape de ma vie. Je t'ai connu en France, à Toulouse où tu rejoignais une équipe de jésuites prêtres ouvriers en 1975- 1978 ,moi, j'étais volontaire du mouvement ATD Quart Monde dans une cité d'urgence où vivaient des familles pauvres, des exclus , des étrangers , gitans, Manouches,, Rom quis, logeaient dans des caravanes. Tu aimais t'attarder, le soir après ton travail ,pour te reposer, rencontrer les gens et, , que fois ... partager le pain de notre repas. Tu apportais la joie, la bienveillance pour chacun, un bonheur simple et lumineux. ! Tu me disais « Je me sens ici chez moi ! » Cher Christian , mon ami, mon frère, mon compagnon depuis 47 ans sur les routes de nos vie. t Grâce à ta foi profonde, ta liberté intérieure, ton humilité, tu m'as fait naître à une nouvelle vie. Maintenant je veux suivre le chemin d'Emmaüs l'histoire de cet étranger que nous avons souvent médité ensemble J'irai souvent, le soir puiser dans le Coffre au Trésor et nourrir ma foi au soleil de ta vie , Christian, tu m'as transmis un merveilleux héritage. !. Je te redis mon immense gratitude pour ces cadeaux, ils sont les vraies richesses de nos vies Tu me manques beaucoup ! Je vais faire fleurir ma tristesse et t'offrir ces fleurs avec ma tendresse. Annie Lieber Christian, Am Samstagmorgen, dem 19. Februar, hatte ich das Glück, mit dir am Telefon einige Augenblicke deines irdischen Lebens zu teilen. Du hast nur wenige Worte gesagt: "Ich bin bereit". Die Zärtlichkeit Gottes überflutete den ganzen Raum! Am Sonntagmorgen erfahre ich, dass du zu dem auferstandenen Jesus gegangen bist. Du hast jetzt Dein ewiges Ostern mit denen gefeiert, die Dir im Königreich vorausgegangen sind, mit Michael, Franz, Lars, Bine, dem kleinen David und all denen, denen Du Dein Leben geschenkt hast in Christian , du lebst! Du wirst mich immer und immer wieder begleiten, bis zum letzten Schritt meines Lebens. Ich habe dich in Frankreich kennengelernt, in Toulouse, wo du dich 1975-1978 einem Team von Jesuiten angeschlossen hast, die Arbeiterpriester waren. Ich war Freiwilliger der Bewegung ATD Vierte Welt in einer Notunterkunft, in der arme Familien, Ausgestoßene, Ausländer, Zigeuner, Manouches, Roma, die in Wohnwagen lebten, untergebracht waren. Du hast es geliebt, abends nach deiner Arbeit zu verweilen, um dich auszuruhen, Leute zu treffen und manchmal ... das Brot für unser Essen zu teilen. Du brachtest Freude, Wohlwollen für jeden, ein einfaches und leuchtendes Glück! Du hast mir gesagt: "Ich fühle mich hier zu Hause!" Lieber Christian , mein Freund, mein Bruder, mein Begleiter seit 47 Jahren auf den Straßen unseres Lebens. Dank deines tiefen Glaubens, deiner inneren Freiheit und deiner Bescheidenheit hast du mich zu einem neuen Leben geboren. Jetzt will ich den Weg nach Emmaus gehen die Geschichte dieses Fremden, die wir oft gemeinsam betrachtet haben. Ich werde oft abends aus der Schatztruhe schöpfen und meinen Glauben an der Sonne deines Lebens nähren. Christian, du hast mir ein wunderbares Erbe hinterlassen! Ich sage dir noch einmal meine große Dankbarkeit für diese Geschenke, sie sind der wahre Reichtum unseres Lebens. Ich vermisse dich sehr! Ich werde meine Traurigkeit zum Blühen bringen und dir diese Blumen mit meiner Zärtlichkeit schenken. Annie Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
Romain KREMER aus Clerf ( Luxemburg ) schrieb am 26. Februar 2022 um 17:10
Lieber Christian, du warst einer der ganz Grossen von denen ich das Glück hatte sie persönlich in meinem Leben zu begegnen, Gross im Einfach sein, im Begegnung suchen, im einfachen konkreten Dienst, Die Strassenexerzitien Woche in Köln vor ein paar Jahren unter deiner Leitung werde ich nie vergessen. Ich habe mir vorgenommen in dieser Fastenzeit deine Bücher wieder hervorzunehmen und zu spüren wohin das mich bewegt. Danke für all das was du uns vorgelebt hast.
Ralf Kawitzke aus Graz schrieb am 26. Februar 2022 um 9:05
Christian Herwartz‘ Strassenexercitien haben mich vom Glauben zum Wissen geführt. Danke Christian, und im Himmel wartet neue Arbeit auf Dich.
Markus Rischen aus Neuss schrieb am 25. Februar 2022 um 19:06
Ich habe Christian als JEV 1994 oder 1995 kennengelernt. Er hat mit uns über Gerechtigkeit und die Zusammenhänge zur Wirtschaft gesprochen. Er hat uns darauf hingewiesen, wie wichtig es für Christen ist, sich mit wirtschaftlichen Themen auseinanderzusetzen und den Gerechtigkeitslücken zu wissen. Seit dem lese ich seit fast 30 Jahren jeden Tag den Wirtschaftsteil der Zeitung.
Annemarie aus Berlin schrieb am 25. Februar 2022 um 15:34
Berufen in die Freiheit der Nähe Gottes - aus aller Entmündigung, Bevormundung und Einschränkung freuen wir uns in diesem Horizont auf die nächste Begegnung mit dir - wohl wissend, dass die Erde deutlich ärmer und der Himmel deutliich reicher geworden ist. Danke, dass und wie du mit uns warst!
Stefan Schuck aus 38302 Wolfenbüttel schrieb am 25. Februar 2022 um 11:02
Lieber Christian, nicht so sehr unsere gemeinsame Zeit in Neuß bei der Vorbereitung auf das Abitur ist in meiner Erinnerung als vielmehr unser erstes Klassentreffen nach langer Zeit im Kloster Langwarden bei Grevenbroich. Am Frühstückstisch entschieden wir uns mit Dir zusammen Gottesdienst zu feiern und das Brot zu brechen. Nachher fuhren wir mit Franz über Neuß nach Essen. Von dort aus nahmen wir den Zug Richtung Berlin und sprachen über das, was uns bewegt. Dein Leben war ein Leben für andere. Du hast mir Mut gegeben, auf andere zuzugehen. Danke.
Heiner Vogt aus Weinheim schrieb am 25. Februar 2022 um 7:58
Lieber Christian, Du suchtest das Reich Gottes hier bei uns unter uns Menschen, in den Randgruppen unserer Gesellschaft, unter den Ausgestoßenen, auf der Straße, in den Augen des Menschen , der Dir gegenüber stand. Deine Suche und deine Sehnsucht nach Gott hier auf unserer Erde war unglaublich ansteckend und hat mich bleibend verändert. Ich danke dir dafür von Herzen, Heiner
Regina aus Hittenkirchen am Chiemsee schrieb am 24. Februar 2022 um 21:57
Lieber Christian, am Tag, als dein dir so teurer Freund und Mitbruder Franz verstarb, hast du dir Zeit genommen, mir - einer dir völlig unbekannten Frau - zurück zu schreiben und mich in die Naunynstraße eingeladen. Das hat mich schon mal völlig beeindruckt und in der schweren beruflichen Krise gut getan. Dann waren mein Mann und ich drei Tage bei dir und euch. Noch nie zuvor hatte ich an einem solchen Ort gelebt, an dem jede/r willkommen ist und bleiben darf. Die Exerzitien auf der Straße - einmal erlebt - bleibende Initialerfahrung für´s Leben, das dadurch ehrlicher, verbundener, verletzlicher, liebevoller geworden ist und hoffentlich noch werden wird. Deine großen beredten Hände, deine Augen, deine Stimme, du selber: stark - kraftvoll und zärtlich -nahbar zugleich wie ich es nie zuvor bei einem Menschen erlebt habe. An dem heute schier unerträglichen Tag erinnerst du uns an die Notwendigkeit, uns unermüdlich für Frieden und Dialog einzusetzen. Von ganzem Herzen Danke, lieber Christian!
Mabel aus Stradella (PV) Italien schrieb am 24. Februar 2022 um 11:46
Lieber Christian, ich finde keine passenden Worte, mich von dir zu verabschieden. Worte waren aber zwischen uns nie richtig wichtig. Als ich mit meiner Mitschwester Margit 2006 nach Berlin zu den Straßenexerzitien kommen wollte, konnte ich kein Deutsch. Du hast aber keinen Augenblick gezögert und sofort zugesagt. Du hast Sabine als Mitbegleiterin einbezogen, die Italienisch konnte. Aber es gab Momente während der Exerzitien, wo ich ganz klar gespürt habe dass du mit mir Herz zum Herzen gesprochen hast. Das war eine deiner erstaunlichen Fähigkeiten: Menschen so zu begegnen, dass alle Barrieren fielen. Nach diesen Exerzitien ist ein neues Leben für mich angefangen. Dafür bin ich dir bis wir uns im Jenseits wieder treffen dankbar. In allen schwierigen oder erwartungsvollen Zeiten meines Lebens hast du mich wie ein Bruder begleitet, ein Bruder der nie versucht hat etwas nach seinem Geschmack oder Vorsätzen zu steuern, sondern respektvoll und achtsam hast du hingehört, mitgespürt und den Spuren Gottes „barfuß“ mit mir nachgegangen. Besonders nach dem Tod meiner Mitschwester Margit, sowie während ihrer schweren kurzen Krankheit hast du mit uns/mir gelitten, gehofft und vor allem bis du den Weg Gottes mit Zuversicht mitgegangen. Während der letzten Zeit deiner irdischen Leben habe ich die Gnade erhalten, mit dir oft zu telefonieren. Deine Krankheit, die du den Bruder Parkinson genannt hast, hat dein Leben schon körperlich und seelisch eingeschränkt, aber in deinen Worten konnte ich immer den Himmel spüren, die Weisheit aus deiner Tiefe erfahren, und mich mit dir über die schönen kleinen Geschenke in deinem Leben – vor allem Besuche und Anrufe von Freund*innen -freuen. In den letzten Monaten habe wir oft über den Tod gesprochen. Dir war es klar, dass diese letzte Etappe deines irdischen Lebens deine Aufgabe war, der du dich, wie allen anderen Aufgaben, auf die du dich in deinem Leben eingelassen hast, mit Offenheit, Zuversicht, Hoffnung und Gelassenheit gestellt hast. Ein bisschen Angst hattest du vom Sterbeprozess, weil du in deinem Altenheim miterlebt hast, wie einige Mitbrüder in der Sterbephase gekämpft haben. Gott hat es dir gespart und dich „sofort“ nach der gelungenen OP zu sich genommen. Oft habe ich von dir gehört, dass wenn Gott in der Bibel ruft, es ist oft ein „sofort“ verlangen. Die Zeit war für dich reife. Und Gott hat dich am Sonntag, Tag der Auferstehung, und sogar am Internationalen Tag Sozialer Gerechtigkeit ins ewige Leben gerufen. Ein besserer Tag hätte Gott für dich nicht wählen können. Dein ganzes Leben war ein Zeichen der Auferstehung und ein täglicher Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Danke, lieber Bruder, und bis nachher…
Matthias Ulrich aus Berlin schrieb am 24. Februar 2022 um 11:24
Lieber Christian! Wunder geschehen. Alles war auf einmal anders. Im November 1989 stand ich zum ersten Mal vor Dir in Kreuzberg. Und nicht wie sonst Du bei mir im Osten. Das Neue begann, Deine kluge Wärme blieb. Auf bald!
Lisa Oesterheld aus Vechta schrieb am 24. Februar 2022 um 9:41
Eine Erinnerung ist wach in mir: Hamburger Kirchentag. Viele Menschen sind gekommen für einen Tag auf der Straße. Christian beginnt zu sprechen. Es wird still im Raum. "Jesus ist der Weg. Das heißt, er ist die Straße, die Wasserstraße hier in Hamburg." Christians Augen leuchten. Als sähe er es mit eigenen Augen. - Ich staune. Und ich begebe mich auf Entdeckungsreise. gemeinsam mit anderen. Immer noch bin ich unterwegs. Mit innerem Feuer hat Christian uns gezeigt, wie wir das Leben neu lesen können und Gottes Spuren entziffern im Staub des Alltags. Dabei wurde er nicht müde, die Heilige Schrift auszuloten für das JETZT- voll Zorn, wenn Menschen sich über andere stellten, voll Zärtlichkeit für das göttliche Antlitz im Andern. Ich bin sicher, dass er uns jetzt weiter begleitet und staunt über die Saat seines Lebens. Sie wächst und wächst. DANKE! lieber Christian, ADIEU!
Heinz-Jürgen Metzger aus Solingen schrieb am 23. Februar 2022 um 22:33
Lieber Christian, Du hast den Sohn Gottes nicht im Himmel gesucht, sondern auf der Erde. In Frauen und Männern ist er Dir begegnet. Herzlichen Dank für gemeinsame Zeit und gute Gespräche!
Michael Peck aus Rosendahl-Holtwick schrieb am 23. Februar 2022 um 15:41
Frohe Ostern, mein lieber,alter Jesuit ! Wir sehen uns !! Mir scheint, als habe der „Störenfried“ - einer Deiner Gottesnamen – seinen ganz eigenen Humor, wenn er Dir einen Darmkrebs zum Geschenk machte, wie Du gesagt hast. Lasse ich mich einmal auf diese schwere Kost ein, die Du uns da hingehalten hast, dann entsteht da vor mir das vom Lachen breite Gesicht des Fremden, welcher sich ungebeten dazugesellt. Unterwegs wird dieses breite Lachen durch die Worte, die diesem Gesicht entfließen, sowie durch die Gangart und Gestik dieses Fremden oder dieser Fremden immer mehr zur Güte. Was, wenn solche Güte es war und ist, welche Dir den Darmkrebs zum Geschenk werden ließ ? Wie gesagt, einmal mehr hältst Du mir schwere Kost hin, lieber alter Jesuit. So hast Du Dich mir zugemutet, so warst Du mir ein Präsent, so bleibst Du präsent. Möge Dein Gott und mein Gott, Jesu Gott sein; dann werden die „Herren der Welt“ zusammen mit dem „Herrn“ allen Lebens ihr Herrentum lassen und der Einladung zur Menschwerdung folgen. Bis dereinst, wir sehen uns Michael aus dem Münsterland

Im Angesicht der Schöpfungswunde

Straßenexerzitien-Wochenende am Garzweiler II-Tagebau, 12.-14.11.2021

„Gott, du mein Gott, dich suche ich“. Mit diesen Worten aus dem 63. Psalm starteten wir zu dritt am zweiten Novemberwochenende in unseren ersten Straßenexerzitientag am Braunkohletagebau Garzweiler. Um flexibel zu sein, waren wir mit einem Wohnmobil gekommen und standen im Dorf Keyenberg, wenige hundert Meter entfernt vom „Loch“. In diesen zwei Tagen wollten wir uns von der lebendigen Geistkraft führen lassen.

Nach dem Morgengebet machen wir uns auf. Die Umgebung des Dorfes wirkt idyllisch: Felder im Novembernebel, Pferde, die auf der Wiese grasen, in der Ferne sind Ortschaften mit Kirchtürmen zu sehen. Nur von einem kleinen Erdhügel umgrenzt ist das Bekannte jedoch plötzlich überschritten. Vor mir gähnt ein riesiges Loch. „Heiliger Boden“? Groß bis zum Horizont und unschätzbar tief, mit kahlen Hängen aus Erde, Sand und Kohle am Grund liegt es da. Nichts ist mehr dort, wo vorher auf Äckern Nahrungsmittel angebaut wurden, wo in Dörfern Menschen gelebt haben, wo sie ihr Zuhause hatten, ihre Familie und ihre Freund:innen. Fehlen, Abwesenheit.

Die „Schöpfungswunde“ reißt im eigenen Innern fast körperlich und verschlägt mir die Sprache, es breitet sich Traurigkeit aus. Nach gar nicht langer Zeit kommt Security und macht mich unsanft darauf aufmerksam, dass der Boden, auf dem ich stehe, Eigentum der RWE sei und ich ihn zu verlassen hätte. Mutter Erde – angeeignet und ausgenutzt von einem riesigen Energiekonzern. Ich gehe also ins Dorf. In Keyenberg sehe ich leere Geschäfte, verwilderte Vorgärten, verlassene Häuser mit herunter gelassenen Rollos. Das, was Menschen sich hier über Jahrzehnte und Generationen aufgebaut haben, der Ort, an dem sie geboren wurden, miteinander gelebt haben, z.T. gestorben sind, ist jetzt auch „Eigentum der RWE“. Trostlosigkeit liegt wie eine erdrückende Decke über dem Dorf. Selbst die Kirche ist geschlossen. Ganz wenige Häuser sind noch bewohnt, fast trotzig wirken die herausgeputzten Vorgärten, die sauberen Fenster und doch ist Resignation auch hier spürbar. Wie lebt es sich wohl als letzte/r Bewohner/in einer Straße – ohne Nachbar:innen, ohne Vereine, ohne Schule, Geschäfte, Gemeindeleben…? Ich sehne mich nach Trost und Schönheit angesichts dieser Zerstörung.

Am Nachmittag verabreden wir uns zum Besuch der Messe. Sie muss draußen vor der Kirche von Kuckum stattfinden, weil die Kirche selbst verschlossen bleibt: Sie soll entwidmet werden. Die Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“ hat den Gottesdienst vorbereitet. Als Leitfaden dient der Satz: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Wir sind hier immerhin ungefähr 20 Menschen und fühlen uns ermutigt. Als wir gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen, ist für mich erstmals Hoffnung spürbar: So geborgen, „erwarten wir getrost, was kommen mag“. Gott ist anwesend, hier unter uns Menschen. In ihm geborgen mit unserer Verzweiflung und Angst über die Folgen der Klimakatastrophe. Ganz zart öffnet sich ein neuer Horizont.

Am Abend treffen wir die meisten Teilnehmenden des Gottesdienstes beim Lichtergang in Lützerath wieder. Dieses Dorf unmittelbar am Rand der Kohlegrube ist schon halb abgerissen worden. Dort formiert sich der Widerstand der Klimaschützer:innen sichtbar in Form von Baumhäusern und einer großen Zeltstadt auf einer Wiese – an diesem regnerischen Wochenende versinkt sie im Matsch. Meine Achtung für diejenigen, die hier in der Kälte leben, um weiteren Abbau zu verhindern, wächst. Die Menschen, die am Lichtergang teilnehmen, haben Laternen mitgebracht und erinnern mit Fackeln an verschiedenen Stellen des Rest-Ortes an Aktionen des Widerstandes in Lützerath.

Zu Beginn erzählt eine ältere Frau, wie sie „mit vier alten Frauen“ den Abriss der Landstraße 277 zu verhindern versuchten. Zu dem Zeitpunkt waren sie allein. Eingekesselt von der Polizei mussten sie dem Abriss zusehen. Ältere Frauen machen den Anfang und widerstehen. Eine adventliche Stimmung breitet sich aus:  Durch die aufgestellten Fackeln wird es heller im Rest-Dorf, das Licht nimmt zu – Symbol der Hoffnung an diesem dunklen Ort. Wir kommen mit unserem Zug an der „Eibenkapelle“ vorbei. Die Bäume bilden einen kleinen Raum, in dem gebetet wird, Kerzen flackern in der Dunkelheit, Bilder von Ikonen sind gleich neben dem gelben Kreuz, das aus Gorleben hierher getragen wurde, aufgestellt. Hier wird Gott offenbar von vielen Menschen angebetet. Hier zu sein lässt in mir das Vertrauen und die Überzeugung wachsen, dass Gott stärkt für den Widerstand gegen den Raubbau an unserer Erde.

Am nächsten Morgen beten wir gemeinsam das Abschlussgebet aus der Enzyklika „Laudato si“. Wie schutzwürdig unsere Mutter Erde ist, haben wir hier unmittelbar erfahren. Und ein Zitat von Hannah Malcolm wird uns gesandt und ermutigt uns mit ihrer Aussage: „Ich entscheide mich dafür, zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, wichtig ist, ob Hospizarbeit oder prophetischer Widerstand, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das ist möglich, weil unsere Aufgabe die Auferstehung ist – die Aufgabe, Leben aus dem Tod zu bringen“.

Gabriele Spliethoff, 21.11.2021

Die Stuttgarter Nachrichten berichten über Straßenexerzitien

Unter der Überschrift „Mit dem Kompass des Herzens unterwegs“ berichten die Stuttgarter Nachrichten (StN) ausführlich über ein Angebot von Exerzitien auf der Straße.

„Fast wie beim evangelischen Glaubensbruder Paul Gerhardt und dessen Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, so soll der Geist Gottes in den Straßen der Stadt gesucht werden: Drei Tage und einen Abend (vom 29. Juli bis 1. August) lang begeben sich die Teilnehmer auf die Suche nach Spuren von Gott. Eine geistliche Übung also, die abseits des Alltags zu einer intensiven Begegnung mit Gott führen soll.“

Lest selbst hier – und wer danach an dem Kurs interessiert ist, der findet hier nähere Informationen.

Klaus Mertes erhält das Bundesverdienstkreuz

Klaus Mertes

Klaus Mertes SJ ist vieles: Jesuit, Pädagoge, Publizist, streitbarer Zeitgenosse – und regelmäßig auch Begleiter von Straßenexerzitien. Daher freut uns die Nachricht sehr, dass er von Bundespräsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz erhält.

Mit ihm erhält es auch Matthias Katsch, der Sprecher des Eckigen Tisches, der die Interessen von Betroffenen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen speziell im Kontext der Katholischen Kirche vertritt. Katsch war einer der ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs, die sich an Klaus Mertes als Schulleiter wandten und ihm vom Mißbrauch in den 1970er und 80er Jahren erzählten.

Foto: Etzagots, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Fastenpredigt von Luisa Neubauer

Luisa Neubauer im Berliner Dom

Luisa Neubauer, Mit-Gründerin von Fridays for future, hat letztes Wochenende im Berliner Dom eine Fastenpredigt gehalten. Eine sehr eindrucksvolle, kraftvolle Predigt einer jungen Christin – einfach mal anhören (ab Minute 32:00).

Um so bitterer ist es, wenn manche, die sich als Christen verstehen, nichts als Hass und Häme ausschütten, statt sich zu freuen über eine junge Frau, die Gottes Wort so prophetisch verkündet.

Gott als Maler entdecken

Vielfach sind es Begegnungen mit Menschen auf der Straße, die bei Straßenexerzitien als Gotteserfahrung gedeutet werden. Manchmal sprechen auch Botschaften auf Schildern, Graffiti, Inschriften aller Art in der Stadt zu unserem Herzen.

Mir ist neulich die Begegnung mit Fotographien eines katalanischen Fotokünstlers zu einer tiefen geistlichen Erfahrung geworden. Die „Ornitographies“ von Xavi Bou, Aufnahmen von Vögeln im Flug, legen eine tiefe Schönheit der Welt offen, die uns im Alltag verborgen bleibt.

„Gott als Maler entdecken“ weiterlesen

Die Straße als Anders-Ort — Gott auf der Straße begegnen? Wie soll das gehen?

Looking for a sign? This is it!

Bericht von Straßenexerzitien in Essen

Einen Eindruck davon erhielten fünf interessierte Frauen am 10.09.2020. Pater Lutz Müller SJ hatte ins Abuna-Frans-Haus nach Essen-Frohnhausen eingeladen. Der Leitgedanke des „Schnuppertags Straßenexerzitien“ war, Gott an einem ungewöhnlichen und ungewohnten Ort zu suchen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde führte Pater Müller in das Format ein: Bei Straßenexerzitien sind die Teilnehmenden auf der Straße unterwegs. Sie folgen den Bewegungen der eigenen Sehnsucht. Lassen sich ein auf ungewohnte Lebenswelten — oft auf Menschen am Rande der Gesellschaft. So üben sie, sich selbst, den anderen und Gott darin zu begegnen. Die Leitfragen des ersten Schnuppertages entwickelte Pater Müller aus dem Gleichnis des brennenden Dornbusches. Was ist (m)ein heiliger Ort für diesen Tag? Wo und wie verlasse ich meine Komfortzone und gehe dorthin, wo es unangenehm wird?

Nach diesem Einführungsimpuls ging es für die fünf Frauen bei strahlendem Sommerwetter hinaus. Vier Stunden Zeit lagen nun vor den Teilnehmerinnen. Zeit für Begegnungen mit dem Innen und Außen, mit dem eigenen Herzen oder Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Einige Teilnehmerinnen verzichteten dabei auf jegliche Hilfsmittel wie Handy, Geld oder die Fahrkarte für den ÖPNV. Für andere war die Fahrt mit der Straßenbahn die erste Begegnung mit Menschen, die ebenfalls unterwegs waren. Wieder andere ließen mit dem Fahrrad die Welt an sich vorbeiziehen.

Um 15 Uhr traf sich die Gruppe wieder im Garten des Abuna-Frans-Hauses. Eine intensive Zeit lag hinter den Teilnehmerinnen, die nun nacheinander von ihren Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen berichteten – und die ihre eigenen Antworten auf die Leitfragen gefunden hatten. Der Austausch über diese Antworten rundete den Tag ab. Sechs Stunden intensiver Erfahrungen lagen hinter den Teilnehmerinnen, die sie als „Urlaub vom Alltag“, „Auszeit“ oder „wertvollen Impuls“ bezeichneten. Alle Frauen dankten dem Gastgeber und der Organisatorin, Barbara Weß, Kollegin aus dem Fachbereich Integration und Migration, von Herzen. Damit verbunden war der innige Wunsch, diese Veranstaltung zu wiederholen. Wir dürfen gespannt sein: Frau Weß und Pater Müller haben bereits mit den Planungen für eine weitere Veranstaltung begonnen.

In Abwesenheit von Kirche…

Ernst-Otto Sloot SCJ

Wenn man die Menschen in Oberhausen über die derzeitigen Veränderungen ihrer Kirche reden hört, dann ist deutlich herauszuhören, dass Menschen und Kirche in den jeweiligen Stadtteilen früher einander näher waren. Stadtteil und Kirchengemeinde waren praktisch eins, egal ob katholische oder evangelische Gemeinde: große Gefühle von Zusammengehörigkeit und Nähe.

Das Ergebnis der jüngsten Entwicklungen ist dagegen eher: Befremden oder Entfremdung. Kirchen im Stadtteil schließen. Die Wege werden weiter. Kirche insgesamt scheint weiter weg zu sein. Viele trauern, haben das Gefühl, von Kirche verlassen worden zu sein. Andere verlassen ihrerseits enttäuscht, entfremdet die Kirche. In Oberhausen haben letztes Jahr 643 Christen ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklärt. Die Zahl der Beerdigungen übersteigt die Zahl der Taufen um mehr als das Doppelte. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt stetig ab. In 50 bis 60 Jahren ist die katholische Kirche in Oberhausen, wenn der Trend anhält, ohne Mitglieder. Christsein findet dann in Abwesenheit von Kirche statt.

So wie die Kirche sich an leere Kirchen und die Abwesenheit von Christen gewöhnt hat, müssen sich dann die Christen an die Abwesenheit von Kirche gewöhnen. Wie werden die Menschen mit der Abwesenheit der Kirche leben?

Sie können sie, wie eine Freundin, in guter Erinnerung behalten und sich versöhnen mit dem Gedanken, dass man sie ihren Weg gehen lassen muss. Sie wird ihren eigenen Weg mit Gott gehen, mit allen ihren Reichtümern, mit ihrem Festhalten an alten Regeln wie Pflicht-Zölibat und Weihe-Verboten. Vielleicht werden sich die Wege in Zukunft wieder treffen und man geht noch ein Stück gemeinsam dem Reich Gottes entgegen. Das Leben geht schließlich weiter. Es ist Gottes großes Geschenk, das bleibt. Und: Gottes Sammlungsbewegung geht weiter. Kirche ist ein Teil davon. Aber wohl nicht das Ganze. Gottes Geist führt die Menschen auf verschiedenen Wegen an sein Ziel. Der Weg der Kirche ist nur einer davon.

Die Möglichkeiten Gottes und seines Heiligen Geistes sind viele. In Abwesenheit von Kirche bleibt er den Menschen weiterhin nah. Man darf freudig gespannt sein, auf das, was er vorhat: Wen wird er in der säkularen Wüste wie Abraham und Sara mit ihren Kindern zu Keimzellen einer Glaubensfamilie machen? Welche Theologinnen und Theologen wird diese Exils-Zeit hervorbringen? Welche Propheten und Prophetinnen mahnen uns zu Umkehr von falschen Wegen und zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung? Wer wagt den Weg in die Nachfolge Jesu?

Die Abwesenheit von Kirche ist jedenfalls kein Hinweis auf die Abwesenheit Gottes! 

Erfahrungen von Strassenexerzitien unter Corona-Bedingungen

"Coronakrise in Berlin" by tim.lueddemann is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Lutz Müller SJ

Einzelexerzitien in Köln

Als ein gelungenes Experiment habe ich es empfunden, als ich Ende Mai 2020 Strassenexerzitien in Köln machte. Unter Corona-Bedingungen ist es ja herausfordernd, auf der Straße unterwegs zu sein. Abstand, Hygienemaßnahmen und Alltagsmaske stellen mich auf die Probe, wie ernst und konsequent ich dies auf der Straße befolge. Folgendes war für mich gut lebbar:

  • Ich suchte mir ein gastfreundliches Kloster, das mich als Einzelgast aufnahm. Das waren die Karmelitinnen, bei denen ich auch täglich die hl. Messe mitfeierte.
  • Da ich allein ohne Gruppe unterwegs war, suchte ich mir einen Begleiter, der sich täglich eine halbe Stunde Zeit nahm.
  • Die Stadt Köln bietet Wohnungslosen, Obdachlosen und anderen Armen eine gute Infrastruktur der Hilfe. Mir scheint, dort ist ein guter Ort, um Strassenexerzitien zu machen.

So hatte ich einen Rahmen vorgefunden und geschaffen, unter dem ich dies ausprobieren wollte. Als mein Hauptplatz stellte sich die Treppe vor dem Hauptbahnhof heraus, direkt unterhalb des Domes. Das ist ein Platz voller Menschen mit vielen Bewegungen. Dort passieren nicht nur Reisende aus aller Welt, sondern viele Kölner machen dort Pause; die Straßenreinigung hält den Platz im 30 Minuten Takt sauber, weil es ein Vorzeigeobjekt ist; mehrere Gruppen von Obdachlosen treffen sich, über den Tag verteilt. Verschiedene Künstler versuchen dort ihr Glück, Menschen anzuziehen. Es herrscht aber ein solches Gewusel auf dem Platz, dass fast alle nach kurzer Zeit entnervt weiterziehen zum Domplatz hinauf.

Ich lernte auch den Neumarkt kennen, ein Treffpunkt von Dealern und Drogenkonsumenten. Ein sehr verschmutzter, großer, unappetitlicher Platz, wo ich mich nur unwohl fühlte. Am Appellhofplatz war es einsam, dort trafen sich meist nur einige Männer, die ich vom HBF her kannte. Eine Kontaktaufnahme gelang mir nicht.

Zur Verpflegung: Der Sozialdienst katholischer Männer verteilte wochentags eine Frühstückstüte. Oft war die Schlange der Anstehenden länger und größer als die Zahl der Tüten. Dort fiel mir die Kontaktaufnahme leicht. Mit einem der Männer kam ich intensiver ins Gespräch. Als er anfing, mich über meinen Herkunftsort Essen auszufragen, welche Anlauforte es dort gäbe, merkte ich, wie wenig ich über meine Stadt wusste….

Die Pfarrei St. Maria in der Kupfergasse verschenkte täglich ab 14 Uhr belegte Brote in großer Menge. Dort waren auch immer Leute unterwegs. So kam ich in puncto Ernährung gut über die Runden.

Zur Begleitung: Unter der einfühlsamen Begleitung von Markus Röntgen wurden mir zusätzliche Aspekte meines Weges bewusst. Täglich traf ich ihn für 30 Minuten in einer Kirche in Bahnhofsnähe zum Gespräch. Es war schön, einen kompetenten Kollegen zu erleben, der aus eigener Erfahrung informiert Fragen stellte, Anteil nahm an den Fragmenten meiner Tage, mir zuhörte und mich so begleitete. Sehr interessant waren seine selbst verfassten Haikus (japanische Kurzgedichte) von Begegnungen mit dem Selbst und dem Fremden.

Mit Maske war es mühsamer als ohne, aber es ging. Auf der Treppe am Bahnhof konnte ich gut auf Abstand achten. Da ich eine knappe Woche mich täglich dort aufhielt, konnte ich wiederholt mit einigen Obdachlosen gut in Kontakt kommen. So merkte ich, wie sehr sie sich umeinander kümmerten, sie Blickkontakt mit den Polizeistreifen hielten, sie sich auf Fremde wie mich einließen, die nicht auf ihre Bettelaktionen reagierten. Schwierig fand ich die Gruppe rumänischer (?) Bettler, die systematisch die Region um Dom und HBF abliefen. Als ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, konnten sie kein deutsch.

Ein Novum war für mich meine Intuition, mich unter die Flaschensammler zu mischen. Das war eine vielschichtige Erfahrung. Ich spürte an mir Ekel, in dunkle Mülleimer zu fassen wegen des Drecks; Frust, wenn jemand anders vor mir gerade alles abgegrast hatte und ich also leer ausging; Ambivalenz, wenn ich anderen Sammlern begegnete; Scham, wenn mich andere Passanten dabei beobachteten; eine Mischung von Erfolgsfreude und Peinlichkeit, wenn ich die Flaschen in einem Discounter einlöste… Ich merkte, wie diese Sammler allein unterwegs waren. Das Flaschensammeln ist eine Aktivität, die den Tag füllen kann.

Ob ich dabei irgendwann Gott begegnet bin, weiß ich nicht. In jedem Fall bin ich Brüdern und Schwestern von der Straße begegnet. Manchmal entstand eine Nähe, meistens blieb Fremdheit. Vielleicht war das der verborgene Gott…

Kurs in Essen

Nach meiner Woche in Köln folgte bald darauf mein Kurs in Essen, den ich ausgeschrieben hatte als Veranstalter und Begleiter. Drei Teilnehmende rangen sich trotz Corona durch (allerdings ohne Lockdown Bedingungen) und kamen ins Abuna-Frans-Haus. Eine Woche verbrachten sie in der Ruhrmetropole, die sich gut eignet für Straßenexerzitien. Drei Personen konnte ich gut in Einzelzimmern in unserem Haus, das eine WG mit Flüchtlingen beherbergt, unterbringen. Wie üblich, gab es morgens einen Morgenimpuls mit Frühstück, tagsüber waren alle unterwegs auf der Straße, abends kochte meist eine/einer aus der Gruppe ein Abendessen vor der Austauschrunde. Diese nenne ich lieber „Lesezeit“, weil es darum geht, die Erfahrungen des Tages miteinander aufzunehmen, stehen zu lassen und zu lesen. Mir scheint, das Wort „Lesezeit“ bringt dies deutlicher zum Ausdruck als der Begriff „Austauschrunde“.

Unsere Eucharistiefeiern fanden fast jeden Tag an einem anderen Ort statt. Meist konnten wir Elemente aus der Lesezeit des Vortags integrieren. So feierten wir im Park, an einem Brunnen, im Gewerbegebiet, vor einer verschlossenen Kirche, im Garten und in der Kirche.

Die Teilnehmenden machten naturgemäß ganz verschiedene Erfahrungen, je nachdem wie sie unterwegs waren: allein, mit Fremden, barfuß, kommunikativ oder schweigsam, mit persönlicher Agenda, suchend, mit oder ohne Geld, mit oder ohne Handy, mit oder ohne Blasen an den Füßen, sich öffnend oder sich verschließend, …

Es ergaben sich verschiedene Räume innerhalb der Straßenexerzitien: ein Bibliolog, ein Grillabend, eine Fußwaschung, Begegnungen mit den Flüchtlingen des Hauses, gemeinsames Kochen,…

Am letzten Tag, ein Sonntag, hielt ich in der Gemeindemesse eine Predigt zu den Straßenexerzitien. Ich freute mich sehr, als alle drei Teilnehmenden sich entschlossen, ein Zeugnis einzubringen und etwas von ihren Erfahrungen auf der Straße mit der Gemeinde zu teilen. So stand Corona nicht täglich im Mittelpunkt, prägte dennoch den Umgangsstil miteinander, verhinderte aber nicht die Exerzitien.