Im Angesicht der Schöpfungswunde

Straßenexerzitien-Wochenende am Garzweiler II-Tagebau, 12.-14.11.2021

„Gott, du mein Gott, dich suche ich“. Mit diesen Worten aus dem 63. Psalm starteten wir zu dritt am zweiten Novemberwochenende in unseren ersten Straßenexerzitientag am Braunkohletagebau Garzweiler. Um flexibel zu sein, waren wir mit einem Wohnmobil gekommen und standen im Dorf Keyenberg, wenige hundert Meter entfernt vom „Loch“. In diesen zwei Tagen wollten wir uns von der lebendigen Geistkraft führen lassen.

Nach dem Morgengebet machen wir uns auf. Die Umgebung des Dorfes wirkt idyllisch: Felder im Novembernebel, Pferde, die auf der Wiese grasen, in der Ferne sind Ortschaften mit Kirchtürmen zu sehen. Nur von einem kleinen Erdhügel umgrenzt ist das Bekannte jedoch plötzlich überschritten. Vor mir gähnt ein riesiges Loch. „Heiliger Boden“? Groß bis zum Horizont und unschätzbar tief, mit kahlen Hängen aus Erde, Sand und Kohle am Grund liegt es da. Nichts ist mehr dort, wo vorher auf Äckern Nahrungsmittel angebaut wurden, wo in Dörfern Menschen gelebt haben, wo sie ihr Zuhause hatten, ihre Familie und ihre Freund:innen. Fehlen, Abwesenheit.

Die „Schöpfungswunde“ reißt im eigenen Innern fast körperlich und verschlägt mir die Sprache, es breitet sich Traurigkeit aus. Nach gar nicht langer Zeit kommt Security und macht mich unsanft darauf aufmerksam, dass der Boden, auf dem ich stehe, Eigentum der RWE sei und ich ihn zu verlassen hätte. Mutter Erde – angeeignet und ausgenutzt von einem riesigen Energiekonzern. Ich gehe also ins Dorf. In Keyenberg sehe ich leere Geschäfte, verwilderte Vorgärten, verlassene Häuser mit herunter gelassenen Rollos. Das, was Menschen sich hier über Jahrzehnte und Generationen aufgebaut haben, der Ort, an dem sie geboren wurden, miteinander gelebt haben, z.T. gestorben sind, ist jetzt auch „Eigentum der RWE“. Trostlosigkeit liegt wie eine erdrückende Decke über dem Dorf. Selbst die Kirche ist geschlossen. Ganz wenige Häuser sind noch bewohnt, fast trotzig wirken die herausgeputzten Vorgärten, die sauberen Fenster und doch ist Resignation auch hier spürbar. Wie lebt es sich wohl als letzte/r Bewohner/in einer Straße – ohne Nachbar:innen, ohne Vereine, ohne Schule, Geschäfte, Gemeindeleben…? Ich sehne mich nach Trost und Schönheit angesichts dieser Zerstörung.

Am Nachmittag verabreden wir uns zum Besuch der Messe. Sie muss draußen vor der Kirche von Kuckum stattfinden, weil die Kirche selbst verschlossen bleibt: Sie soll entwidmet werden. Die Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“ hat den Gottesdienst vorbereitet. Als Leitfaden dient der Satz: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Wir sind hier immerhin ungefähr 20 Menschen und fühlen uns ermutigt. Als wir gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen, ist für mich erstmals Hoffnung spürbar: So geborgen, „erwarten wir getrost, was kommen mag“. Gott ist anwesend, hier unter uns Menschen. In ihm geborgen mit unserer Verzweiflung und Angst über die Folgen der Klimakatastrophe. Ganz zart öffnet sich ein neuer Horizont.

Am Abend treffen wir die meisten Teilnehmenden des Gottesdienstes beim Lichtergang in Lützerath wieder. Dieses Dorf unmittelbar am Rand der Kohlegrube ist schon halb abgerissen worden. Dort formiert sich der Widerstand der Klimaschützer:innen sichtbar in Form von Baumhäusern und einer großen Zeltstadt auf einer Wiese – an diesem regnerischen Wochenende versinkt sie im Matsch. Meine Achtung für diejenigen, die hier in der Kälte leben, um weiteren Abbau zu verhindern, wächst. Die Menschen, die am Lichtergang teilnehmen, haben Laternen mitgebracht und erinnern mit Fackeln an verschiedenen Stellen des Rest-Ortes an Aktionen des Widerstandes in Lützerath.

Zu Beginn erzählt eine ältere Frau, wie sie „mit vier alten Frauen“ den Abriss der Landstraße 277 zu verhindern versuchten. Zu dem Zeitpunkt waren sie allein. Eingekesselt von der Polizei mussten sie dem Abriss zusehen. Ältere Frauen machen den Anfang und widerstehen. Eine adventliche Stimmung breitet sich aus:  Durch die aufgestellten Fackeln wird es heller im Rest-Dorf, das Licht nimmt zu – Symbol der Hoffnung an diesem dunklen Ort. Wir kommen mit unserem Zug an der „Eibenkapelle“ vorbei. Die Bäume bilden einen kleinen Raum, in dem gebetet wird, Kerzen flackern in der Dunkelheit, Bilder von Ikonen sind gleich neben dem gelben Kreuz, das aus Gorleben hierher getragen wurde, aufgestellt. Hier wird Gott offenbar von vielen Menschen angebetet. Hier zu sein lässt in mir das Vertrauen und die Überzeugung wachsen, dass Gott stärkt für den Widerstand gegen den Raubbau an unserer Erde.

Am nächsten Morgen beten wir gemeinsam das Abschlussgebet aus der Enzyklika „Laudato si“. Wie schutzwürdig unsere Mutter Erde ist, haben wir hier unmittelbar erfahren. Und ein Zitat von Hannah Malcolm wird uns gesandt und ermutigt uns mit ihrer Aussage: „Ich entscheide mich dafür, zu glauben, dass das, was wir auf der Erde tun, wichtig ist, ob Hospizarbeit oder prophetischer Widerstand, auch wenn wir die Flut des Todes, mit der wir konfrontiert sind, jetzt nicht umkehren können. Das ist möglich, weil unsere Aufgabe die Auferstehung ist – die Aufgabe, Leben aus dem Tod zu bringen“.

Gabriele Spliethoff, 21.11.2021

David: Die weitreichenden Folgen einer Begegnung

Die weitreichenden Folgen einer Begegnung Knapp 15 amerikanische Studierende der Landschaftsarchitektur sitzen in einem Raum und lauschen gespannt und leicht irritiert den Ausführungen und Ideen eines wohnungslosen Deutschen. Wie kommt es zu der überraschenden Szene? Um dies zu verstehen müssen wir knapp drei Monate in der Zeit zurückgehen.

Ich bin David und im Sommer nehme ich an Straßenexerzitien, in der Kirche der Obdachlosenseelsorge in Köln teil. Diese finden direkt vor meiner neuen Tätigkeit als Honorardozent für amerikanische Studierende statt. Als Landschaftsarchitekt arbeite ich inzwischen seit 15 Jahren, als Dozent habe ich auch schon mehrfach gearbeitet. Diese Exerzitien gönne ich mir als Auszeit vor dem spannenden neuen Projekt.

Die Exerzitien sind anstrengend, aber sie tun mir auch gut. Während dieser Zeit lerne ich Lothar einen Kölner Wohnungslosen kennen und schätzen. Wir sind ein einer Austauschrunde und sind uns sympathisch.

Die Exerzitien vergehen und meine neue Tätigkeit beginnt. Die Studierenden sollen unter anderem drei Spezialkonzepte für einen Platz erstellen, eines der Themen ist die Gestaltung bei einem hohen Nutzerdruck, also möglichst viele menschliche Interessen zu erfüllen. Die Arbeit geht gut voran.

Nach einigen Wochen bin ich das erste Mal wieder in der Innenstadt (in der ich eher selten bin) und gehe an Lothars Platz vorbei. Er ist da und ich setze mich zu ihm. Wir erzählen, wie es uns ergangen ist. Ich erzähle von den Studierenden, Lothar erzählt von einer Stadtführung, die er gegeben hat. Da habe ich eine Idee. Statt mit den Studierenden über mögliche Nutzungen durch Menschen, wie zum Beispiel Lothar, zu sprechen, könnte man Lothar selber fragen und einladen. So frage ich ihn, ob er kommen und uns etwas drüber erzählen würde, wie seiner Meinung nach ein guter Platz aussehen müsste. Lothar stimmt sofort zu.

Zwei Wochen später sitzt er vor den Studierenden, zeichnet auf dem Smartbord und erklärt Ideen und Ansichten. Da sein Englisch im üblichen Mittelfeld liegt, übersetzt eine Angestellte der Akademie für ihn. Zuerst trauen sich die Studierenden kaum Fragen zu stellen. Beide Seiten sind ein wenig vorsichtig. Nach einiger Zeit fällt es leichter. Die Studierenden fragen Lothar zu seinem Konzept, zu den Bedürfnissen und Wünschen von Menschen auf der Straße. Eine Vorsicht auf Grund der unbekannten Situation ist noch immer da, aber auch eine Kommunikation auf Augenhöhe mit Wertschätzung.​

Für die Studierenden war es eine außergewöhnliche Erfahrung. Sie wirken bewegt und auch nach-denklich. Den restlichen heutigen Tag kam das Thema immer wieder auf. Konzepte wurden umgeändert und ergänzt. Als Lothar nach seinem Vortrag geht habe ich den Eindruck, auch er ist zufrieden und erfüllt. Wenn ich ihn demnächst wieder besuche, werde ich es ihn fragen. Und wer weiß, vielleicht erzählt er den Studierenden im nächsten oder übernächsten Semester ja wieder etwas.

Straßenexerzitien in Gubbio, Köln

Gubbio-Schild

‚Kirche für Menschen auf dem Weg‘

Mit oder ohne Hund: Tagsüber ist ein*e jede*r für sich auf der Straße unterwegs. Mit Achtsamkeit für den eigenen Körper, die vielfältigen Sinneseindrücke, Gefühle, Gedanken. Mit der sich darin zeigenden ureigenen Sehnsucht als Kompass. Mit respektvoller Neugier, besonders für alles Schräge in mir und um mich herum. Mit der Offenheit, etwas von dem, was ich mit mir, mit anderen und anderem erfahren habe, als Gotteserfahrung zu deuten.

Die Austauschrunde am Abend eröffnet einen geschützten Raum des gegenseitigen Erzählens und Zuhörens. Das Erlebte kann nachklingen, sich neu erschließen, einen Hinweis für die inneren und äußeren Wege des nächsten Tages geben. Wer mag, ist am späten Nachmittag zu einem Gottesdienst an un/gewohnten Orten in Köln eingeladen.

Wir sind zu Gast bei der franziskanischen Obdachlosengemeinde Gubbio in Köln. Ein entsprechend schlichter Ort, wo wir einfach leben. Wir übernachten auf Iso-Matten in der Kirche oder wer mag im Innenhof. Die Mahlzeiten werden von der Gruppe zubereitet. Auch Hunde sind willkommen.

Auf die Begleitung freuen sich Regina Altendorfer, Bernd Brückmann, Rita Schüle und Patrick Jutz.

 

Straßenexerzitien als Praxis von „Freestyle Religion“

Uwe Habenicht, geboren 1969, verheiratet, drei Kinder; evangelischer Theologe; er arbeitete als Pfarrer in Deutschland und Italien. Seit 2017 ist er Pfarrer in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit. Bei seiner Erkundung der spirituellen Aufbrüche der Gegenwart unter dem Titel „Freestyle Relition“ fragt er nach Merkmalen einer tragfähigen christlichen Spiritualität. Ausgangspunkt ist für ihn die religiöse Autonomie des Einzelnen. Anschaulich beschreibt er, dass sich dabei die eigenen, auch mystischen Erfahrungen nicht gegen gemeinsames Beten und politisches Engagement ausspielen lassen. Und wie in solchen neuen Formen des Religiösen, auch in neuen Formen des Umgangs mit traditioneller Religion, individuelle Freiheit und Gemeinsinn miteinander zu dem verbunden werden, was „Freestyle Religion“ als Religion für das 21. Jahrhundert ausmacht. Im „Praxisteil“ am Ende des Buches schreibt er über die Straßenexerzitien.

Straßenexerzitien und Alltagsexerzitien – vom Abschreiten aller drei Kreise                     

Etliche Aspekte der bisher beschriebenen Kreise fließen in der Form der Straßenexerzitien zusammen, die ich abschließend noch kurz skizzieren möchte: In den Straßenexerzitien zieht man sich nicht aus der Hektik und dem Getriebe der Städte aufs Land zurück, um Einkehr zu hallten. Vielmehr sucht diese Form der Exerzitien die Gegenwart des Auferstandenen im Alltag der Straße. Die Wahrnehmung der Wunden der Zeit, der Ausgestossenen und Leidenden bekommen dabei ein besonderes Gewicht, Spiritualität mit dem Gesicht zur Welt: Aufmerksam, offen und absichtslos gehen die Übenden eigensinnig und allein auf die Straßen und Plätze und suchen nach einem Echo des biblischen Wortes, mit dem sie am Morgen aufgebrochen sind. „Sich auf die Exerzitien zu begeben bedeutet zu ‚üben‘. Wir üben aufmerksamer zu werden, unsere innere Aufmerksamkeit zu bemerken und ihr zu folgen. Um auf die innere Stimmen besser zu hören, werden solche Übungszeiten normaler Weise in einem Kloster oder in einem Haus angeboten, das dafür besonders geeignet erscheint, mit landschaftlich schöner Umgebung oder einem Meditationssaal. Bei den Exerzitien auf der Straße gehen wir raus in die Stadt. Üblicherweise zehn Tage lang, jeden morgen und jeden Nachmittag. Abends kommen wir wieder zusammen, feitern Gottesdienst und erzählen uns in kleinen Gruppen, was uns begegnet ist.“[1]

Hier verschränken sich Wahrnehmung des Leidens Meditation und gemeinschaftlich liturgische Feier. „Wir üben, das Leben in Fülle zu suchen, den Lebendigen und die Lebendige, die tausend Namen hat, die wir Gott nennen. Wir üben ihr unser Herz zu öffnen. Warum ‚üben‘? Wir üben vielleicht weniger im Sinne von trainieren, sondern von: immer wieder neu anfangen. Ich übe ins Jetzt zu kommen. Ich werde langsamer und spüre Neues. Nach und nach entdecke ich eine Stille in mir und kann mein Inneres spüren. Im Lassen vom Tun und Arbeiten, vom Denken und Handeln finde ich zu einem Dialog in mir und bin im Gebet. Ich übe, mehr ins Hören zu kommen. Wer will mir heute begegnen? Wo oder in wem will sich Gott, die Quelle des Lebens, mir heute zeigen?

Unverschämte Übungen – immer wieder unverschämt Neues. Da, wo ich es vielleicht am wenigsten erwarte! Gott, die liebende Gegenwart, suchen im Jetzt, in allen Dingen, wie Ignatius, der Begründer des Jesuitenordens, sagt. Auch in jedem Menschen kann ich dieses Schönem das Gott ist, finden. Unverschämt – vielleicht gerade in jenen Menschen, die ich sonst eher beiseiteschiebe, die am Rande leben, die am Brennpunkt des Lebens stehen.“[2]

Dieses hörende Schweigen ist die Voraussetzung für jede Form von kooperativem Engagement zugunsten derer, denen man begegnet ist – auch wenn die Straßenexerzitien diesen letzten praktischen Schritt nicht leisten können, der für das Ganze der Freestyle Religion konstitutiv ist.

Straßenexerzitien lassen sich als Grundübung von Freestyle Religion verstehen, die sich eben nicht im stillen Kämmerlein versteckt, sondern die Straße als Ort gelebter Religion wiederentdeckt – so wie sich Parcours oder Free Running den herausfordernden Gegebenheiten der Straße stellen oder die zeitgenössische Kunst auf die Straße geht, um im alltäglichen Leben Spuren zu hinterlassen.[3]

„Wenn ich auf die Straße gehe, lasse ich die Kontrolle weg, mit der ich bestimme, wer mir begegnen kann und wer nicht. Ich gehe in die Offenheit der Begegnung und lasse mich in dieser Offenheit frei, soweit ich es vermag, begegne Überraschendem und schaue, ob dieses ‚Ungeborgene‘ mein Herz entzündet und mich in unvorstellbarer Weise beherbergen, mir Geborgenheit und Gottes Anwesenheit zeigen will. Ich stimme dem offenen Ausgang des Tages zu, gehe aus dem Gewohnten hinaus, sage ja dazu, dem Fremden, dem Unbekannten entgegen zu gehen, will erproben, was geschieht, und schauen, was sich ereignet.“[4]

Wenn Religion ihre schützenden Räume, in denen sie das Göttliche feiert und die Augen vor der Zerrissenheit der Welt nicht verschlossen hat, verlässt und ihre vertiefte Verankerung im Göttlichen hinaus auf die Straße trägt, um die Welt mit anderen kooperativ zu gestalten, und wenn die diesem Weg immer wieder und wieder eigensinnig gehtm wird aus Religion Freestyle Religion. Dann ist Religion mehr als frommes Selbstgespräch meiner Seele mit mir selbst. Dann ereignet sich wunderbares Wirken weit über mich hinaus.    


[1]    Herwartz, Im Alltag der Straße, 27

[2]    Ebd.

[3]    Aus dem Galler Tageblatt vom 4.8.2019

[4]    Herwartz, Im Alltag der Straße, 29

Leseprobe aus: Uwe Habenicht, Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt – eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert © Echter Verlag Würzburg 2020, S. 135-138

ABGESAGT – Straßenexerzitien in Luzern (Schweiz)

Straßenexerzitien in Luzern. Nähere Angaben werden folgen.
Begleiten werden

Cornelia Pieren
Elisabeth Buddeus-Steiff
Marco Schmid (Kontakt – siehe Veranstalter).
Nachfragen bitte an marco.schmid(at)kathluzern.ch

Der Charme des Anfangs: Die Erfahrungen in Emmaus langsam gelesen

Weißt Du noch?

Paare, Gemeinschaften, Länder erinnern sich an den Augenblick, an dem sie ihre Beziehung voreinander offenlegten und gemeinsam den Sprung in die Öffentlichkeit wagten. Dann lachen sie bei der Erinnerung[1] an ihre Angst und ihren Übermut vor diesem befreienden Schritt oder geben sich vielleicht einem Kuss. Bedrückendes wurde zurückgelassen, Neues konnte beginnen. 

„Wie hat es eigentlich angefangen?“ Mit dieser Frage erzählt die neue Landesbischöfin der Nordkirche Kristina Kühnbaum-Schmidt in ihrer Predigt im Schweriner Dom den Charme eines solchen Anfangs.[2]

Mit Freude und vielen Unsicherheiten treten Menschen besonders nach Kriegen oder kirchlichen Abgrenzungen aus falschen Abhängigkeiten hinaus. Sie beschreibt den Charme des Neubeginns bei Paaren, von Institutionen und auch beim Neubeginn Deutschlands nach der Zeit der Diktatur. Nach diesem Neustart lesen wir im Grundgesetz, dass jeder Mensch ohne Vorbehalt zu achten ist.

Die Nordkirche vereinigte 2012 die vormals selbständigen Landeskirchen von Hamburg und Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Pommern. Sie wurden eine Kirche von Dänemark bis nach Polen entlang der Ostseeküste über alle Grenzen hinweg. In mutiger Solidarität wurden in den evangelischen Kirchen Trennungen in Ost und West aufgehoben.

Der Charme des Anfangs aller christlichen Gemeinschaften

Davon berichtet Lukas im letzten Kapitel seines Evangeliums. Viel ist über diesen Abschnitt gepredigt und geschrieben worden. Er ist wie ein Grund-stein aller christlichen Kirchen. Der hier beschriebene Impuls setzt sich in der Apostelgeschichte fort. Die Freude über diesen überraschenden Anfang erfrischt immer neu und weist auf den Moment der Nächstenliebe hin, der in solch einem Rollenwechsel erfahren wird.

Nach der Zeitenwende

Die Frauen kommen vom Grab Jesu. Sie gingen bei der ersten Gelegenheit nach der Kreuzigung Jesu mit wohlriechenden Ölen und Salben zu dem Felsengrab, wohin sein Leichnam gelegt wurde. (Lk 23,50 – 24,1) Der die Höhle verschließende Stein war überraschend weggerollt. So konnten die Frauen das Grab betreten. Zwei Engel warteten dort (Lk 24,4) und verkündigten den Erschrockenen: Jesus ist auferstanden. Außerdem erinnerten sie die Frauen an all die Hinweise, die Jesus ihnen in der Zeit unterwegs gab (Lk 24,5ff).[3] Petrus überprüft (Lk 24,11f) diese Nachricht zusammen mit Johannes. Sie gingen zum Grab und fanden alles so vor, wie es die Frauen erzählten. Doch den Auferstandenen selbst sahen sie nicht (Lk 24,32).  Verwundert kehrten sie zurück.[4]

Jetzt breitete sich Entsetzen und Angst unter den Jüngern aus. Wird diese unglaubliche Nachricht von seiner Auferstehung publik, dann sind alle in Lebensgefahr. Die Entdeckung des leeren Grabes (Lk 24.9) konnte nicht geheim bleiben. Die Ratlosigkeit der Jünger ist zu spüren.

Zur Erinnerung

Bei seiner Taufe im Jordan (Lk 3,21f) bekannte sich Jesus zu den Traditionen seines Volkes und besonders jene von der einen Wirklichkeit Gottes, die er seinen Vater nannte (Lk 12,29). Jesus wusste sich ganz von ihm getragen und lehrte: „Der Vater weiß, was ihr braucht.“ (Lk 12,29). Im Vertrauen auf ihn und unter Berufung auf diese höchste Autorität legte er den Glauben Israels erneuernd aus.

Dieses Verhalten nannten die Lehrer Israels eine Gotteslästerung, denn er konnte keinen zweiten Zeugen benennen, der seine Darlegungen bestätigte. Jesus entmachtete damit die alten Seilschaften, die mit seiner Ermordung ihre Lehrhoheit wiedergewannen und den Status quo mit den Römern festigen wollten. Doch Jesus rief Gott in der Todesstunde voll Vertrauen an: Seine unerschütterliche Beziehung zum Vater wird besonders in der Todes-stunde deutlich: „Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)[5]

Die Jünger befanden sich, nach der Nachricht vom leeren Grab und der Auferstehung Jesu in einer ratlosen, aufgewühlten Situation. Da verließen zwei aus dem Kreis, der jetzt besonders auf eine gemeinsame solidarische Beratung der Freunde Jesu angewiesen war, das schützende Haus. (Lk 24,13) Eine Erklärung drängt sich auf: Die Aufbrechenden halten die Bedrohung nicht mehr aus und suchen am Heimatort Schutz.

Männer und Frauen in der Nachfolge Jesu

Doch wer sind diese zwei Jünger?

Ein Name wird genannt: Kleopas (Lk 24,8). Der zweite fehlt.

Obwohl Jesus Männer wie Frauen wertschätzte, fehlen – entsprechend der gesellschaftlichen Gewohnheit – auch in den neutestamentlichen Erzählungen häufig die Namen der Frauen oder sie werden sogar durch männliche ersetzt.[6] Jesus ließ sich auf das Zeugnis einer kanaanäischen Frau[7] ein und heilte ihre Tochter; ebenso lernte er von einer anderen, die ihm mit ihren Tränen die Füße wusch (Lk 7,30-50)[8] und tat es in einer für ihn schwierigen Situation ebenso. So wäre es nicht verwunderlich, wenn die zweite Person, die nach Emmaus aufbrach, auch eine Frau gewesen ist.

Bei der Suche nach ihrem Namen entdecke ich drei Frauen, die in der Todesstunde Jesu unter dem Kreuz stehen. Alle drei heißen Maria. Darunter nennt Johannes als zweite Person: Maria, die Frau des Klopas (Joh 19,26). Könnte mit Klopas und Kleopas [9] dieselbe Person gemeint sein?

Die Männer versteckten sich aus Klugheit weitgehend, denn sie spürten die Gefahr, dass die Soldaten alle Anhänger Jesu jetzt aufgreifen, im voraus-eilenden Gehorsam sie den mit Verlustängsten ringenden Autoritäten über-geben. Außerdem müssen sie, angesichts wehrfähiger Männer in dem besetzten Land mit der Gefahr eines Aufstandes rechnen. Die Soldaten konzentrieren sich auf den Schutz ihrer Waffen. Die bei Umstürzen ebenso nötige Kraft der Frauen nehmen sie weniger wahr. [10]

Selbst kurz vor der Verhaftung Jesu ließen die Apostel von ihrer privilegierten männliche Sichtweise nicht los.[11] Jesus führt ihnen ihr unangemessenes Verhalten drastisch mit der Frage vor Augen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe[12], habt ihr da Not gelitten (Lk 22,35)? Als sie die Frage verneinten, weist er sie an, jetzt[13] Geldbeutel und Tasche mitzunehmen. „Wer aber kein Geld hat soll seinen Mantel[14] verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.“ (Lk 22,36) Bei der bevorstehen-den Verhaftung Jesu brauchen die Jünger ihre volle Aufmerksamkeit.[15]

Allen Besitz sollen sie los lassen und sich auf das ihnen anvertraute scharfe  Schwert des Geistes Gottes verlassen, das rechtes und unrechtes Tun von-einander scheidet. Jesus beschreibt damit die Todessituation jedes Menschen. In ihr werden wir alle ohne jedes Blendwerk unser Ich sehen, das uns Gott anvertraute.

Heißen die beiden Jünger Kleopas und Maria?

Eine der Frauen, die bei Jesus unter dem Kreuz bis in die Todesstunde blieben, nennt Johannes „Maria, die Frau von Klopas“ (Joh 19,25). Könnte Klopas und Kleopas (Lk 24,18) dieselbe Person sein?

Dann wären die beiden „Jünger“ ein Paar, das jetzt verständlicherweise außerhalb des Kreises der Apostel einen ungestörten Ort sucht.

Die Beiden durchliefen recht unterschiedlichen Situationen: Kleopas versteckte sich wie die meisten Männer und Maria stand mit den beiden anderen Frauen unter dem  Kreuz.[16]


Eine Ikone in Jerusalem weist auf das Jünger-Paar hin [17]

Br. Ansgar OSB aus der Abtei Nütschau bei Lübeck fand die Darstellung im Internet und schrieb die Ikone neu. Links ist deutlich das Paar unterwegs dargestellt, im Gespräch mit dem Fremden, rechts die Situation in Emmaus als die beiden am Tisch mit ihm sitzen. Leider fehlt die dritte Etappe in Jerusalem. Dort erscheint Jesus dann allen seinen Freunden und Freundinnen. Kunstwerke weisen häufig auf neue Auslegungen biblische Texte hin.

Auf dem Weg nach Emmaus fragt ein Fremder (Lk 24,17) die „Jünger“, worüber sie miteinander sprechen. – Kleopas weist ihn brüsk zurück und schützt, männlich erprobt, die erkämpfte Intimität des Gespräches mit der rhetorischen Frage: „Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“ (Lk 24,18)

Der Mitreisende fragt nochmals: „Was denn?“ (Lk 24,19-24). Nun antworten Maria und Kleopas und erzählten gemeinsam von ihrer Trauer und ihrer Hoffnung, die sie über das Leben und die Botschaft Jesu für sich und ihr Volk fanden. Wenn Mann und Frau gemeinsam über die Wirklichkeit sprechen, dann werden die Aussagen plastischer, da sie unterschiedliche Sicht-weisen miteinander verbinden. Dadurch kommen leichter auf den thematisch zentralen Punkt. Sie erzählten auch von der Aufregung, den die Frauen bei den Jüngern auslösten, als sie vom Grab zurückkamen. Sie fanden seinen Leichnam nicht. Außerdem erzählten sie von Engeln, die sagen: Jesus lebt!  

Die Emmaus-Jünger. Ikone aus dem Kloster Nütschau bei Lübeck

Sofort bekamen die beiden Trauernden die entsprechende (Straßen)-Antwort (Lk 24,25-27) von dem noch Unerkannten[18]. Sinngemäß sagte er ihnen: ‚Habt Ihr die Propheten nur mit dem Kopf gelesen und nicht mit eurem Herzen?‘ Er erläutert ihnen lebendig die Voraussagen der Propheten. Und ihre Herzen brannten (Lk 24,32), in der Freude nun die Wirklichkeit der prophetischen Aussagen zu verstehen.

Bis heute bekommen Menschen bei Straßenexerzitien oder auf Pilgerwegen in der Gegenwart Gottes ähnlich verblüffende Antworten. Sie sehen in einer alltäglichen Begegnung, wie ein Wort auf einer Reklametafel einen ihre Fragen entschlüsselnden Hinweis. Ähnlich erhielt Mose aus einem nutzlos erscheinenden doch in der Liebe Gottes brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch (Ex 3) den Auftrag sein Volk aus der Knechtschaft zu befreien.[19]


[1]    Mose sang nach dem Durchzug durchs Rote Meer ein Lied: Ex 15,1-21

[2]    http://www.ndr.de/fernsehen/Sendungen/Gottesdienst-Einfuehrung-der-Landesbischoefin-der-Nordkirche-am-Pfingsttagmontag,sendung914626.html

[3]    Zusätzlich berichtet Johannes: Maria von Magdala wurde unter den Frauen ausdrücklich beauftragt, den zurück gebliebenen Jüngerinnen die Auferstehung Jesu zu verkündigen (Joh 20,17ff). Der Kirchenlehrer Augustinus (354-430) nannte sie deshalb die „Apostelin der Apostel“.

[4]    Von der panischen Situation berichtet auch Johannes (Joh 20,29) : Die Jünger schließen die Türen und ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Und Matthäus (Mt 28,4) erzählt von dem Versuch der Wärter am Grab, wie sie, die auch für sie gefährliche Wahrheit, vertuschen wollen.(Mt 28).

[5]    Markus unterstreicht in der Todesstunde das Menschsein Jesu, in der alle ganz unverstellt, das eigene Ich sehen: Trotz seiner Einheit mit dem Vater, wurde jetzt auch seine menschliche Hilflosigkeit deutlich und er ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

[6]    z.B. Röm 16, 7

[7]    Nach einem Streit mit den einheimischen Theologen über die ausschließenden Kategorien von „rein und unrein“ (Mt 15,1-20) setzte er sich einmal ins  naheliegende Ausland ab, ins Gebiet von Tyrus und Sidon. Dort lernte er als erwachsener Mann von einer heidnischen Frau auf drastische Weise,  Menschen über alle Grenzen hinweg zu achten (Mt 15,21-28; Mk 7,4-30). Diese Wertschätzung schärfte er auch den mitziehenden Männern und Frauen durch sein Verhalten ein.

[8]    Wiederholt schärften Frauen die Wahrnehmung Jesu, als eine ihm die Füße wusch (Joh 13,1-20) und er sie dann in einer ähnlichen Bedrängnis seinen Jüngern waschen konnte. (Joh 13,1-20)

[9]    Lk 24,17

[10]  Vgl. Miriam (Ex2,3f) und nach der Vernichtung des ägyptischen Heers (Ex 15,20f), Ester (Ester 1,15-17)

[11]  Selbst nach dem letzten Abendmahl mit Jesus stritten sie darüber, wer von ihnen der Größte sei. Noch kurz vor dem Verrat im Garten Gethsemane warnt sie Jesus vor ihrem Hochmut (Mt 26,31-35).

[12]  Der Verlust des Schuhes ist das Zeichen jeden Besitzanspruch abzugeben Rut 4,7f. Das Haus des Barfüßlers steht dann für eine Brandmarkung Deut 25,10; auch als Warnung alle Zukunftssicherung zu verlieren Jes 20,2. Dann kann die Demütigung des Ausspuckens vor der Person beginnen: Hiob 30,10; 

[13]  Die Bedeutung dieses kleinen Wortes „Jetzt“ siehe unten

[14]  Vgl. Deut 24,13 Dem Armen das Pfand/den Mantel zum Schlafen zurück geben.

[15]  Ähnlich wie bei ihrer Aussendung das Kommen Jesu anzukündigen: Lk 10,1-4

[16]  Sie wurden damit auch zu Zeugen der Verspottung Jesu (Mk 10,34) und sahen mit an, wie Menschen vor dem nackt Gekreuzten – was seine Rechtlosigkeit unterstrich () – verächtlich ausspuckten (Hiob 30,10; Jes 50,6: Mt 26,67; 27,30) oder  ihm gar ins Angesicht schlugen (Mt 27,30; Mk 10,34). Diese Nacktheit entspricht dem warnenden Zeichen von Jesajas (20,2) und steht in deutlichem Gegensatz zum Verhalten des Johannes, der nicht einmal die Schuhriemen von Jesus öffnen wollte (Mk 1,7; Jo 1,27)

[17]  https://www.kathrin-happe.www5.webhosting-account.com/wp-content/uploads/2014/06/emmaus.jpg

[18]  Er sagte von sich: „Ich bin Straße, Wahrheit und Leben.“ (Joh 14,6)

[19]  Davon sprechen lebendige Berichte, Bücher und Artikel: https://strassenexerzitien.de/ und https://nacktesohlen.wordpress.com/schatzkiste-exerzitien-auf-der-strasse-1/

Auf Augenhöhe in Los Angeles

Greg Boyle (Foto: BBC World Service cc-by-nc 2.0)

Augenhöhe: das ist ein Stichwort um das es bei Straßenexerzitien auch geht. Nicht als Helfer, sondern als Mitmensch, als Brüder und Schwestern begegnen uns Menschen auf der Straße. Und manchmal erkennen wir, dass in ihnen Jesus Christus gegenwärtig ist.

Diese „Augenhöhe“ ist auch die  Perspektive des Jesuitenpaters Greg Boyle, der seit Jahrzehnten in den „härtesten“ Vierteln von Los Angeles mit Jugendlichen arbeitet, die oft in kriminellen Gangs verstrickt sind.  Es sind bewegende Geschichten, die er erzählt. Gotteserfahrungen auf den Straßen von Los Angeles – und was Nachfolge da heisst. „Auf Augenhöhe in Los Angeles“ weiterlesen

Ein Tag auf der Straße – Exerzitien to go in Hattingen

Jahrmarkt Halle (Foto: K. Happe)

Unterwegs auf den Straßen dieser Welt
Orte finden, Menschen sehen und begegnen…
Gottes Spuren entdecken / das Leben spüren…

Ein Angebot für alle, die sich selber und die Welt mal anders erleben möchten – wir laden Sie zu einem Straßenexperiment ein! Nach einer gemeinsamen Einstimmung ist jede(r) alleine unterwegs, wohin die Füße und der Gottes Geist hin führen. Der Tag wird mit einem Austausch der Erfahrungen und einem Gebet abgeschlossen.

Bodenhaftung

Müll oder Bombe, von Pierre Willscheck /cc-by-nc 2.0)

bodenhaftung

ich komme nicht
ohne gebet aus
wie sehr ich auch
das schweigen suche
hinter jedem müllsack
höre ich die stimme

zieh deine schuhe aus …

ich küsse die dunkle erde
und male um sie einen kreis
der mein leben
ins gebet nimmt

Wilhelm Bruners

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Aus: Zuhause in zwei Zelten, Gedichte und Reflexionen, Ein spirituelles Lesebuch mit einer Einführung von Karl-Josef Kuschel, Tyrolia Verlag, Innsbruck, 2017, 19.

Foto: Müll oder Bombe, von Pierre Willscheck (cc-by-nc 2.0)