von Maria Jans-Wenstrup

Die Exerzitien auf der Straße sind eine Form geistlicher Übungen, die im Lauf der vergangenen 25 Jahre allmählich gewachsen ist. Der Kern ist, dass Menschen in Tagen der Muße auf den Straßen und Plätzen einer Stadt unterwegs sind, offen, sich ansprechen zu lassen von einer Begegnung, einem Bild, einem Graffito, …, in dem sie etwas von Gott erahnen. Wie Mose in der Wüste neugierig wird auf den Dornbusch und dann erfährt, wie Gott ihn anruft an diesem unwirtlichen Ort, der dadurch zum heiligen Boden wird.
Die Gruppe derer, die sich jeweils auf solche Übungen der Gottsuche auf der Straße einlassen, feiert täglich – in der Regel am frühen Abend vor dem Austausch über die Erfahrungen des Tages – zusammen Gottesdienst. Irgendwann hat sich die Tradition entwickelt, am vorletzten Abend einen Fußwaschungs-Gottesdienst zu feiern. Hier will ich ein wenig reflektieren, was es damit auf sich hat.
„Darf ich dir die Füße waschen?“
Im letzten Sommer in Oberhausen saßen wir im Garten im Kreis und hatten etwas abseits Wasser in Schalen, Seife und Handtücher bereitgestellt. Nach einem relativ kurzen Einstieg in den Gottesdienst lasen wir die Fußwaschungs-Erzählung aus Joh 13,1-15. Nachdem sie ein wenig nachgeklungen war, holte eine von uns Begleitenden Wasser, Seife und Handtuch, hockte sich vor einen der Teilnehmenden und fragte: „Darf ich dir die Füße waschen?“ Auf die positive Antwort hin beschränkte sie sich nicht auf den vielfach am Gründonnerstag üblichen Ritus, einen – ohnehin sauberen – Fuß leicht überzuspülen und dann zu trocknen. Nein, beide Füße wurden ins warme Wasser gestellt und nacheinander eingeseift, abgespült und dann gründlich abgetrocknet. Auf eine abschließende kleine Verneigung folgte die Bitte an den Teilnehmer, jetzt die Schale zu nehmen und seinerseits jemand anderem die Füße zu waschen. Wir nahmen uns viel Zeit für dieses Tun, das ganz in Stille geschah, begleitet nur von dem ein oder anderen Taizé-Lied. Auch im Anschluss gab es zunächst keinen weiteren Austausch dazu, sondern der Gottesdienst endete mit einem einfachen Gebet.
Eine Ehrung der Füße
Was zunächst einfach als alternativer Gottesdienst im Sinne eines „Abendmahls nach Johannes“ den Weg in die Straßenexerzitien gefunden hat, scheint mir in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Bedeutung zu entwickeln. Zentral ist die Bedeutung der Füße. Die Teilnehmenden sind ja den ganzen Tag unterwegs auf ihren Füßen; die tragen sie gewissermaßen in die Begegnung mit Gott. Daher laden wir sie ein, an besonderen Orten wie Mose ihre Schuhe auszuziehen, den Boden zu spüren oder sich das auch nur innerlich vorzustellen. Nach so einem Tag sind die Füße eindeutig strapaziert vom vielen Gehen, zum Teil auch tatsächlich dreckig, weil man vielleicht barfuß unterwegs war. Das einzige Mal übrigens, wo ich erlebt habe, dass jemand ausdrücklich nicht die Füße gewaschen haben wollte, stellte sich nachher heraus, dass sie den „heiligen Dreck“ an ihren Füßen behalten wollte. Sie war an einem für sie wichtigen Ort gewesen, hatte dort ihre Schuhe ausgezogen und die Erfahrung war ihr so heilig, dass sie sie noch nicht weggewaschen haben wollte. Die Fußwaschung am Abend hat also zu tun mit den Erfahrungen der Menschen während des Tages.
Ein gelerntes Zeichen?
Eine andere beeindruckende Erfahrung eröffnete mir einen neuen Blick auf die Erzählung in Joh 13. Während eines Straßenexerzitien-Kurses in Berlin gab es auch einen Fußwaschungs-Gottesdienst. Gegen Ende der Runde verließ eine Teilnehmerin den Raum, kam aber nach kurzer Zeit zurück und brachte ein duftendes Öl mit. Sie hockte sich damit von neuem vor eine Mitteilnehmende und salbte deren schon gewaschene Füße mit dem Öl. Das führte zu einer spontanen zweiten Runde, die für alle das Zeichen der Waschung durch das der Salbung ergänzte. Im Nachklang dieser Erfahrung entstand eine neue Deutung des Tuns Jesu im Abendmahlssaal. Vier Tage vorher hatte Maria in Bethanien ihm die Füße gesalbt mit „reinem, kostbaren Nardenöl“ (Joh 12,1-3). Ist es zu verwegen sich vorzustellen, dass Jesus von Maria dieses Zeichen zärtlicher Zuwendung gelernt hat und es nun in einer vielleicht eher männlichen Variante im Waschen der Füße weiterschenkt?
Die Fußwaschung im Exerzitienprozess
Wenn während der Exerzitien auf der Straße ein Fußwaschungs-Gottesdienst gefeiert wird, dann ist der Zeitpunkt in der Regel der vorletzte Abend. Das ist natürlich zunächst einmal einfach naheliegend vom Zeitpunkt des Abendmahls im Leben Jesu wie auch vom Verlauf des ignatianischen Exerzitienprozesses her. Darüber hinaus setzt solch eine doch recht intime Form ein gewisses Maß an Vertrautheit in der Gruppe voraus, die erst wachsen muss.
Dieser Abend steht aber auch am Übergang von der eigentlichen Hauptphase der Straßenexerzitien hin zu einem vorläufigen Abschluss, der dann in den Alltag mündet. In dem, was ich Hauptphase nenne, lassen die Übenden sich oft von der Gottesbegegnung des Mose am brennenden Dornbusch inspirieren. Sie üben die Aufmerksamkeit und Neugier des Mose ein („Ich will hingehen und mir die auffallende Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?“, Ex 3,3) und lassen sich einladen und ansprechen auf dem für sie heiligen Boden – wo immer der in den Straßen der Stadt für sie Wirklichkeit wird. In der Schlussphase sind sie eingeladen, den Erfahrungen der Tage noch einmal nachzuspüren, Dank zu sagen und den Blick nach vorne zu richten. An diesem Übergang erscheint es mir sehr passend, die Feier der Danksagung (griechisch: Eucharistia) in der Weise des Johannesevangeliums zu feiern, eben mit dem Ritus der Fußwaschung.
Als noch weiterer Aspekt spielt die Rolle der Begleitenden dort hinein. Ihre Aufgabe ist es, dem jeweiligen Exerzitienprozess der Teilnehmenden zu dienen. Diese Art des Dienens geben sie in der gegenseitigen Begleitung auch einander weiter. So erfüllt sich schon in dieser Weise des Begleitens etwas vom Auftrag Jesu: „Wie ich euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr einander die Füße waschen.“ (Joh 13, 14) Dieser Auftrag kann sich dann von hier aus in Kreisen ausweiten bis in den jeweiligen Alltag hinein.
Eine sehr leibliche Form des Gottesdienstes
Straßenexerzitien sind sehr körperliche Exerzitien. Die Übenden nehmen sich deutlich auch über den Leib wahr. Sie sind dem Wetter ausgeliefert; ob es heiß ist oder kalt, ob es viel regnet oder stürmisch ist, das ist körperlich spürbar. Dazu ist es stimmig, dass auch im Gottesdienst der Leib ganz bewusst in den Blick genommen wird mit seinen Bedürfnissen nach Erfrischung und Sauberkeit. Das ist ja der ursprüngliche Sinn einer Fußwaschung im heißen und staubigen Judäa.
Ich frage mich, warum aus dem Brotbrechen Jesu mit seinen Jüngern vor der Passion in der Kirche ein Ritus erwachsen ist und sich über die Jahrhunderte hinweg zu einer Hochliturgie entwickelt hat, die Fußwaschung aber, die im Johannesevangelium in gleicher Weise bedeutsames Tun Jesu ist, nicht. Auf der Suche nach einer Begründung stoße ich auf drei Kennzeichen der Fußwaschung, die der entstehenden herrschaftlichen, hierarchisch strukturierten, zunehmend leibfeindlichen Kirche einen unangenehmen Spiegel vorgehalten hätten:
Sie ist demütig. Sie ist intim. Und sie ist körperlich.
Ich stelle mir vor, eine Kirche, deren Hauptritus die Fußwaschung geworden wäre, hätte eine andere Entwicklung genommen. Sie wäre demütiger geworden, hätte die Nähe von Beziehungen mehr wertgeschätzt und Leib, Geist und Seele wären zusammen als Zeichen der Gegenwart Gottes erkennbar gewesen.
Eine schöne Vorstellung.
Berühren und Verweilen
Ich fragte eine gute Freundin, der aufgrund einer Krankheit das zielgerichtete Denken zunehmend schwerer fällt, was ihr an der Fußwaschung im Zusammenhang mit den Exerzitien auf der Straße wichtig ist, und sie sagte mir auf diese Frage hin nur zwei Worte: Berühren und Verweilen. Durch diese beiden Worte hindurch spüre ich in eine tiefere Ebene der Frage hinein. Berühren und Verweilen. Darin finde ich viel von dem wieder, was mir durch Herz und Sinn geht und was doch größer ist als alle Worte, die ich darüber sagen könnte. So gebe ich am Ende Ihnen, den Leser:innen diese beiden Worte zur vertiefenden Betrachtung der Fußwaschung Jesu mit: Berühren und Verweilen…
Oberhausen, im November 2025
Veröffentlicht in der Zeitschrift „Prediger und Katechet“ 2026/3, S. 397-400 (Schwabenverlag)
